Folgen der Einheit : Gemischtes Doppel

„Tennis passt nicht zu einem Sportfunktionär“, bekam Jochen Roschild in der DDR zu hören. Mit der Einheit verlor er seinen Job Jürgen Halm fand Vereinsarbeit spießig. Die Liebe zum Tennis siegte über Wendefrust und Vorurteile. Jetzt spielen sie gemeinsam

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Kollektives Turnen. Rhythmische Sportgymnastik 1987 beim 8. Turn- und Sportfest der DDR. Jedes Jahr fanden dort außerdem die Kinder- und Jugendspartakiaden statt, bei denen Kreis-, Bezirks- und Landesmeister gekürt wurden. Foto: imago
Kollektives Turnen. Rhythmische Sportgymnastik 1987 beim 8. Turn- und Sportfest der DDR. Jedes Jahr fanden dort außerdem die...Foto: IMAGO

Irgend etwas stimmte nicht, das fühlte Jochen Roschild bei diesem ersten regulären Punktspiel seines Treptower Tennisclubs gegen ein West-Berliner Team ganz genau. Die Sportfreunde aus dem Westteil schauten total verdattert, als ihnen die Ostler nach den Spielen zum Abschied die Hände reichten. Roschild fasste sich ein Herz und fragte den West-Berliner Mannschaftsführer: „Ist etwas nicht in Ordnung?“ Der schluckte verlegen und sagte dann: „Bei uns ist es üblich, dass die Mannschaften nach den Spielen gemeinsam essen und trinken, der Gastgeber bezahlt.“ „Das wussten wir nicht“, antwortete Roschild und organisierte in der Kneipe nebenan rasch ein Essen für die Gäste und für die eigene Mannschaft.

Das war im Frühjahr 1991, zum ersten Mal spielten Berliner Tennisklubs aus Ost und West in gemeinsamen Ligen. Roschilds Treptower Tennisclub hatte man in die höchste Berliner Liga eingeordnet, das zweite Punktspiel führte die Treptower zu den besten West-Berliner Tennisspielern von Rot-Weiß in der Hundekehle. „Wir hatten natürlich keine Chance“, sagt Roschild, „aber bei Rot-Weiß spielte damals der Schlagersänger Bernhard Brink. Der hat uns so nett begrüßt, echt sportlich.“ Brink, erzählt Roschild, habe den Ost-Berlinern gesagt: „Meine Jungs hau’n mächtig auf’n Putz, aber letztlich kochen die auch nur mit Wasser. Also nehmt das nicht so ernst.“ Die Treptower verloren, aber alle bekamen ein Autogramm von Brink, und – das wussten sie ja inzwischen – ein Essen vom Gastgeber.

Als Tennisspieler war die Wiedervereinigung für Roschild wunderbar: „Endlich konnten wir unsere Plätze anständig herrichten“, sagt er. „Mussten nicht mehr die Linien mit Latex streichen und konnten die alten Holzschläger ausmustern.“

Beruflich brachte die Wende für Jochen Roschild zunächst das Aus. Der heute 69-Jährige, der bereits mit zwölf Jahren zum Waisenkind wurde, kam durch den Sport nach Berlin. Man hatte ihn in der DDR als Leichtathletik-Talent entdeckt, doch es reichte nicht für die Olympiamannschaft 1964. So wurde Roschild nach seinem Hochschulstudium Sportfunktionär beim Sportclub Dynamo – und mit der Einheit arbeitslos.

„Es war ein schreckliches Gefühl, als ich das erste Mal zum Arbeitsamt musste“, erzählt er. „Ich kam mir so überflüssig vor.“ Dank seiner Erfahrung fand er aber schnell wieder Anerkennung – und die eine oder andere ABM-Stelle, mit der er sportliche Projekte verwirklichen konnte. Der Tennisplatz blieb gerade in der Wendezeit das Beständige in Roschilds Leben. Sein Treptower TC erlebte Anfang der Neunziger einen erstaunlichen Boom. „Viele West-Berliner kamen zu uns, weil wir Mitgliedsbeiträge hatten, von denen sie nur träumen konnten“, erzählt er. „Außerdem liegt unsere Tennisanlage ganz idyllisch.“

Diese Lage mitten im Plänterwald, direkt an der Spree, fand auch Jürgen Halm traumhaft. Der Franke war in den achtziger Jahren, wie viele Westdeutsche, als „Bundeswehr-Flüchtling“ nach West-Berlin gekommen, hatte Architektur studiert und Anfang der Neunziger mit Freunden den Treptower TC entdeckt. „Dort war es noch wie zu DDR-Zeiten“, sagt er. „Die Fassaden grau oder in einem schrecklichen Blau – aber das vergaß man alles, wenn man nach dem Spiel beim Bierchen am Wasser saß und grillte.“

Was Jürgen Halm und seine Freunde aber am meisten schätzten, war die Tatsache, dass man sie nicht aufforderte, in den Verein einzutreten. „Wir waren doch die Kinder der 68er“, sagt er. „Verein – das klang so nach Deutschland, nach uraltem Mief und vor allem nach Arbeit. Niemand von uns hatte Lust auf Vereinsarbeit.“ Halm und seine Freunde wollten einfach nur spielen und das konnten sie beim Treptower TC. „Wir hatten damals mehr als 100 Mitglieder“, erzählt Jochen Roschild. „Ost- oder West-Berliner, das war kein Problem. Es ging um Sport und Sieg, und unsere neun Mannschaften wurden durch eine bekannte Firma gesponsert, die hier eine große Freizeitanlage bauen wollte.“

Warum daraus nichts wurde, weiß Jochen Roschild bis heute nicht. Irgendwas ist da beim Bezirksamt Treptow schief gelaufen, ein Klub gleich nebenan bekam plötzlich Fördergeld, der Sponsor sprang ab, und so schnell wie es mit dem Treptower TC aufwärts gegangen war, ging es auch wieder bergab: Die leistungsorientierten Spieler verließen den Verein zuerst. Als dann noch bekannt wurde, dass der Verein umziehen müsse, weil das Gelände kontaminiert sei, glaubten nur wenige an eine Zukunft. Nur drei Dutzend Mitglieder von mehr als hundert blieben am Ende.

Jürgen Halm will sich damit nicht abfinden. Zwar spielte er zwischenzeitlich auch anderswo – jetzt aber hat er neue Freunde, die, wie er, den Klub erhalten wollen. Das Wort Vereinsarbeit klingt nicht mehr so abstoßend in ihren Ohren. „Vielleicht liegt es daran, dass wir älter geworden sind“, sagt er. „Oder daran, dass Vereinssport und Ehrenämter inzwischen mehr Wertschätzung genießen.“

Mit seinen Freunden ist er jeden Montag im Tennisverein. „Wir nennen sie die Montagsmaler“, sagt Jochen Roschild. „Am Anfang gab es mal Zoff, weil sie nicht immer alles weggeräumt haben, aber inzwischen gibt es keinen Grund zur Klage.“

Dass die jungen Leute jetzt den Verein erhalten möchten, freut Roschild. Immerhin gibt es den Club seit 1954, obwohl Tennis in der DDR nicht so gefördert wurde wie andere Sportarten. „Es war eben keine olympische Disziplin und es hatte für manche so was Bürgerliches“, sagt er. Und erzählt, dass sein Vorgesetzter ihn mehr als einmal aufgefordert hat, mit dem Tennis aufzuhören. „Das passt nicht zu einem Sportfunktionär bei Dynamo“, sagte der. Aber da hatte Jochen Roschild schon jene Leidenschaft gepackt, die so viele Tennisspieler vereint. Egal, ob in Ost oder West.

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