Berlin : For some eyes only

Im Schloss Bellevue hängen jetzt Werke von Karen Müller, der Lieblingskünstlerin von Johannes Rau. Sie befasst sich mit Mythen – und ist somit gut geeignet für die Gäste des Bundespräsidenten.

Elisabeth Binder

Wenn ein König oder ein Präsident zu Besuch kommt ins Schloss Bellevue, dann muss er normalerweise an den Herren Heuss und Ebert vorbei, bevor der Aufstieg in den ersten Stock beginnt mit den Salons und dem Speisesaal. Beim Essen dann ein wenig Indoktrination von anwesenden Industriefürsten, über die tüchtigen Produkte, die deutsche Wertarbeit trotz aller wirtschaftlichen Turbulenzen noch hervorbringt.

Der Präsident von Mali, Amadou Toumani Touré, hat gestern etwas anderes zu sehen bekommen, nämlich Bilder und Skulpturen der Elmauer Malerin und Porzellanbildnerin Karen Müller, deren Werke schon in vielen Ländern der Erde zu sehen waren. Ihre Kunst ist auch erdumfassend. Die Trilogie, für die die Herren Ebert und Heuss gewichen sind, ist das beste Beispiel. Sie handelt von Himmel, Erde, Meer und Pflanzen, von Sonne, Mond und Sternen, und sie zeigt eine Mondsichel, die sich einerseits stützt auf die Erde und sie andererseits schützend umfasst.

Bis zum Mai, wenn das Schloss umfassend renoviert wird, erfahren die hohen Gäste auf diese Weise zuallererst nicht, wie tüchtig wir sind, sondern wie poetisch es im alten Volk der Dichter und Denker eben auch zugehen kann. Es ist nach den Worten des Bundespräsidenten die erste Kunstausstellung an diesem Ort. Da passt es vielleicht ganz gut, dass sie sich gleich mit Mythen befasst, solchen aus der Antike, aber auch solchen aus der jüdischen und christlichen Tradition.

Es ist nicht die Art von Kunst, an der man sich bildungsbeflissen in abgehobenen Museen vorbei quält, nein, es ist zeitgenössische Kunst, die eine besondere Spezialität hat: Sie spricht mit den Menschen, die sie betrachten. Der Hausherr erklärt das gerne und er freut sich ganz offensichtlich über jedes neue Opfer, denn er hat sich, wie auch seine Frau, bereits vor einiger Zeit als Fan der Künstlerin geoutet. Nicht unwahrscheinlich also, dass Johannes Rau dem Präsidenten von Mali, der gestern Abend zum Dinner ins Bellevue kam, seine Sicht auf die zehn Wächter der Angst erläutert hat. Das ist eine Gruppe aus Porzellanfiguren, deren Torsi mit archaischen Symbolen bemalt sind. Die Arme sehen aus wie kurze Kleiderärmel, und die Köpfe erinnern an Trinkbecher. Zunächst löse der Anblick Gefühle von Angst und Unsicherheit aus, wird er vielleicht ähnlich wie in seiner Betrachtung im Katalog zur Ausstellung gesagt haben. Das Gefühl ähnele dem im Angesicht einer neuen Herausforderung, einer Krise oder einer ungewissen Lebenssituation. Wenn man indes näher hinsehe, entdecke man den Raum zwischen den Figuren, und die auf Anhieb beängstigend wirkende Barriere weise plötzlich einen Weg über das Hindernis hinaus. An dieser Stelle könnte der hohe Gast möglicherweise ins Philosophieren geraten sein über die Kunst der Veränderung, auch der Selbstveränderung, die allerdings die Lust am ständigen Weiterlernen umfassen muss. Was einen, wenn man sie denn beherrscht, sehr schön stetig in die höheren Sphären von Top-Jobs in Politik und Gesellschaft führt.

Während die Herren solchermaßen abhoben, wird Christina Rau mit ihrer besonders patenten Ausstrahlung Frau Lobo Traoré Touré auf die Porzellanschalen aufmerksam gemacht haben, großzügige, filigrane, weit offene, archetypische Gebilde, so dünn, dass man sich wirklich nicht trauen möchte, etwas hineinzugeben. Vielleicht hat die Frau des Bundespräsidenten erzählt, wie sie langsam gelernt hat, wenigstens Blütenpotpourri hineinzugeben und wie sie die Künstlerin selbst bewundert, die in ihren kostbar bemalten Schalen sogar schwere Äpfel aufbewahrt, und der es ganz offensichtlich nichts macht, wenn ihre Enkelkinder zwischen den fragilen Kunstwerken herumtoben.

Gelassenheit hat wahrscheinlich auch etwas mit dieser Kunst zu tun. Besonders schön erkennbar an einem Werk, das „Finsternis, Nacht“ heißt und vom ersten Tag handelt. Denn so finster ist die Nacht der Karen Müller gar nicht, sondern rund wie der Mond auf schwarzem Grund, glutrot durchwirkt und an manchen Punkten hellgelb wie die Erinnerung an den letzten Tag. Oder die Hoffnung auf den kommenden.

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