Formel-E-Rennen in Berlin : Elektro-Flitzer in der Karl-Marx-Allee spalten den Kiez

Zum ersten Mal rasten die Elektro-Flitzer nicht durchs Tempelhofer Feld sondern in Mitte. Nicht alle finden das gut.

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Wusch und weg: Ein E-Renner auf der Karl-Marx-Allee. Foto: Ralf Schönball
Wusch und weg: Ein E-Renner auf der Karl-Marx-Allee.Foto: Ralf Schönball

Das Pfeifen zwischen den Zuckerbäckerbauten schwillt an und – Wusch! – ein Windstoß, dann sind die Elektroflitzer an den Tribünen schon wieder vorbei. Auf der Videoleinwand laufen Einspielungen von Interviews mit Fahrern der Formel-E. Weiter hinten sprudeln die Fontänen im Kreisverkehr des Straußberger Platzes. Die Karl-Marx-Allee und der blaue Himmel über Berlin sind am Sonnabend eine erhabene Kulisse für das Rennen.

Zum ersten Mal rasen die E-Autos, die so breit und tief am Asphalt kleben wie die Spritmonster der „echten“ Formel 1, durch Mitte. Der angestammte Rundkurs am Tempelhofer Feld ist seit der Umnutzung des Airports als Flüchtlingslager blockiert. „Und wir müssen nach Bulgarien, oder wat?“, sagt Otto Lehmann (72), der im Kiez hinter den hohen Absperrzäunen des Rundkurses lebt. „Radrennen, Marathon, Autorennen – wir sind schon gebeutelt“, setzt seine Frau Paula Schmidt (66) einen drauf. Jetzt nehme man ihnen auch noch die Parkplätze weg. Nicht nur an diesem Tag, sondern bald ganz, weil Neubauten zwischen den locker aufgestellten Plattenbauten entstehen – „die nehmen uns die Luft zum Atmen“, sagt Lehmann, so wie früher in „Zille-Höfen“.

Lieber Autos ohne Abgase als Panzer

Andreas Hempe, bei einer Molle locker an den Stehtisch vom „Imbiss Oase“ gelehnt, kann den ganzen Ärger nicht verstehen: „Früher sind hier im 1. Mai Panzer jefahren, da biste fast erstickt von die Abgase“. Paraden habe es auf der Karl-Marx-Allee auch zum Gründungstag der DDR gegeben, zum 7. Oktober. Da seien ihm Autos ohne Abgase schon lieber, sagt der 55-jährige Eisenflechter.

Der Imbiss Oase ist zwischen Zäunen eingekeilt: Rechts die Bauzäune vor dem Haus der Statistik, dem verlassenen, mit Graffiti besprühten und Müll umsäumten Baudenkmal aus DDR-Zeiten. Links stehen die Zäune, die den Rundkurs vom Rest der Stadt abgrenzen. Bouletten-Bräter Hai Phamran hat extra für diesen Tag seinen Imbisswagen geöffnet und war damit schlecht beraten: „Mehr Sicherheitspersonal als Zuschauer“, sagt er. Umsatz brächten die Aufpasser ihm nicht.

Die Eintrittskarten waren ausverkauft

Aber es ist noch früh am Tage, gegen Elf, gerade läuft erst das Qualifying zur Verteilung der besten Startplätze beim Rennen. Und Formel-E-Sprecher Sam Mallinson versichert, dass alle 15.000 Eintrittskarten seit Tagen ausverkauft seien. Der Umzug vom Airport nach Mitte ist für den Veranstalter, der nach eigenem Bekunden „die E-Mobility in die Städte bringen will“, ein Glücksfall. Und deshalb ist auch nur Gutes aus seinem Munde zu hören: Sogar über die Berliner Verwaltung. Diese sei unkompliziert und hilfreich gewesen. Und er verspricht außerdem, die „Störungen“ so kurz wie möglich zu halten – am Samstag um 20.30 Uhr werde die Straße wieder für den Verkehr frei gegeben.

Zur Dankbarkeit verpflichtet ist der Veranstalter wohl auch deshalb, weil der Senat ihm mal kurzerhand die Gebühren für die Straßennutzung erlassen will in Höhe von 400.000 Euro, was die Bezirke allerdings ablehnen. Dafür war bei den Vorbereitungen zum Rennen zu beobachten, wie Schlaglöcher auf der Karl-Marx- Allee geflickt wurden, damit die elektrischen Boliden nicht mit Achsschaden liegen bleiben. Immerhin eine kleine Hilfe in der Hauptstadt der Schlaglöcher mit den chronisch unterfinanzierten Budgets für den Straßenbau.

Einige Läden sind von ihren Kunden abgeschnitten

Fast schon abgeschnürt vom Kundenfluss ist der Spezialist für Wander- und Outdoor-Zubehör „Camp4“ an der Karl-Marx-Allee. „Da bricht schon etwas weg“, sagt Verkäufer Philipp Deveci. Die Ladenfront liegt hinter den Absperrungen, also im Bereich, der nur für Besucher mit Eintrittskarten zum Rennen zugänglich ist. Einige von ihnen „stolperten“ schon in den Laden aber nicht unbedingt mit der Absicht, etwas zu kaufen.

Dagegen zählt die Pächterin des Café Moskau, Lisa Wege, zu den Gewinnern des Rennens vor ihrer Haustür: Der Veranstalter hat das traditionsreiche Haus gebucht zur Einrichtung eines Presse-Zentrums. Natürlich habe auch sie die Klagen von Anwohnern vernommen, sagt Wege. Es lebten eben viele ältere Leute im Kiez, die nun ihre gewohnten Wege nicht mehr gehen können.

Der Michelin-Mann darf nicht fehlen

Auf der Bühne nahe dem Alexanderplatz covert eine Band „Get Lucky“ von Daft Punk. Unter die Besucher mischt sich ein Michelin-Mann mit weißen Rettungsringen und zieht einen Jungen, den Vater im Schlepptau, zur Karrera-Bahn des Reifenherstellers – ist ja auch elektrisch. Am Rande der Rennstrecke haben Sponsoren ihre „Vip-Bereiche“, ein Kreditkartenhersteller im Kino International, behütet von breitschultrigen Männern in schlecht sitzenden Anzügen. „Und die Security draußen überwacht die Security drinnen“, spottet ein Radler aus Reinickendorf und gibt seinen Plan auf, sich in den Streckenbereich reinzumogeln.

Vor dem Haupteingang am Alex steht ein Mannschaftswagen der Polizei. Warum sie hier sind? „Falls ein Koffer oder eine Tasche abgestellt wird“, sagt ein Ordnungshüter. Die Sorge vor Terroranschlägen – auch das gehört zu Großveranstaltungen in diesen Tagen.

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