Berlin : Forscher fordern mehr Hilfe für Problemschulen

Studie: Jugendliche sind dort benachteiligt

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Aufregung über eine Studie des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung über Hauptschulen: Danach gehören in Berlin 60 Prozent aller Hauptschulen zur Problemgruppe der „Hauptschulen in schwierigem Milieu“. Die Bedingungen an diesen Schulen haben eine „außerordentlich schädliche Auswirkung auf die Leistungsentwicklung von Jugendlichen“, schreiben die Autoren der Studie, darunter der Leiter der Pisa-Studie 2000, Jürgen Baumert, und die Bildungsforscherin Petra Stanat. An „Hauptschulen in schwierigem Milieu“ kämen etliche Faktoren zusammen, „die es für den einzelnen Schüler sehr schwer machen, gute Leistungen zu erzielen“, sagt Stanat (Uni Nürnberg). Rund die Hälfte der Schüler hat mindestens eine Klasse wiederholt; ebenso viele stammen aus Migrantenfamilien, in denen nicht Deutsch gesprochen wird. 40 Prozent der Eltern haben keine abgeschlossene Berufsausbildung, fast ein Drittel ist arbeitslos. Der Anteil der Schüler, die in den vergangenen zwölf Monaten Schuleigentum beschädigt haben oder gegenüber Personen tätlich geworden sind, liegt bei 40 Prozent. Dass an den Problemschulen jedoch Unterricht nicht mehr möglich sei, wie in einem Bericht der „Tageszeitung“ behauptet wird, weist Stanat zurück. „Richtig ist allerdings, dass an Hauptschulen unter sehr schweren Bedingungen gearbeitet wird.“

Lehrer der Neuköllner Rütli-Schule hatten im März die Schließung ihrer Schule verlangt – unter anderem deshalb, weil geregelter Unterricht dort nicht mehr möglich sei. Legt die Studie nicht doch nahe, dass in Berlin Dutzende von anderen Schulen schnell in diese Notlage geraten können? „Rütli ist natürlich kein Einzelfall“, sagte Schulsenator Klaus Böger (SPD) dem Tagesspiegel. Aber das Beispiel der Neuköllner Schule, die mit Modeprojekten und einem hoffnungsvollen neuen Schulleiter auf sich aufmerksam macht, „zeigt auch, dass die Dinge auch an Hauptschulen positiv veränderbar sind“, so Böger. Außerdem gibt es jetzt an jeder Hauptschule ein bis zwei Sozialarbeiter.

Bundesweit liegt der Studie zufolge der Anteil der Problemschulen bei 16 Prozent der Hauptschulen. Wie in Berlin ist er auch in den anderen Stadtstaaten aber erheblich höher: In Bremen liegt er sogar bei 95,7 Prozent, in Hamburg bei 68,8 Prozent. Aber auch in einem Flächenland wie Hessen beträgt er 52,2 Prozent.

Risikoanfällig sind der Studie zufolge Schulen, die einen geringen Prozentsatz der gesamten Schülerschaft haben. So gibt es in Stadtstaaten, in denen zehn Prozent der Schüler Hauptschulen besuchen, einen hohen Anteil von Problemschulen, in Ländern wie Baden-Württemberg mit einem Anteil von bis zu 30 Prozent nur höchstens fünf Prozent Schulen.

Die „strukturelle Benachteiligung“ von Hauptschülern sei „schwer zu rechtfertigen“, schreiben die Autoren der Studie. Wer Hauptschulen in problematischen Lagen beibehalten wolle, müsse sehr viel stärker in ihre Unterstützung investieren, sagte Stanat. In Berlin sind solche Programme in diesem Jahr angelaufen (siehe Kasten). Bögers Verwaltung betont, dass vor 20 Jahren noch 40 Prozent der Migranten die Hauptschule ohne Abschluss verließen, heute sind es 25 Prozent; an allgemeinbildenden Schulen ist ein Lehrer für 14 Schüler zuständig, an der Hauptschule für nur neun. Amory Burchard

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