Berlin : Forum Neukölln: Ärger um Glasnost in der neuen Bücherei

Tanja Buntrock

Zuviel Transparenz kann schädlich sein. Diese Erfahrung machte Patricia Schlimmgen vom Hamburger Architekturbüro Boge Johanssen mit ihrer Idee, einen fünf Quadratmeter großen, gepunkteten Glasboden direkt über der Treppe der Helene-Nathan-Bibliothek im Forum Neukölln zu installieren. Die hochmoderne und großzügig gestaltete Bibliothek zieht sich mit etwa 4000 Quadratmeter über die beiden Etagen. "Durch die Transparenz, die das Glas schafft, sollen die Nutzer in die obere Etage gelockt werden", erklärt die Architektin.

Doch die Durchsichtigkeit könnte auch Besucher anziehen, die alles andere als lesen wollen, meinte eine Mitarbeiterin des Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LAGETSI) bei der Bauabnahme im August. Ihre Befürchtung: Männer stellen sich unter die Treppe und gucken Frauen, die eine Etage höher über den Glasboden flanieren, unter den Rock. Das Amt sieht die Arbeitsstättenverordnung auf seiner Seite. "Der Schutz der Intimsphäre der weiblichen Mitarbeiterinnen wird dadurch gestört", sagt LAGETSI-Sprecher Robert Rath. Zudem weist die Behörde auf den hohen Anteil muslimischer Frauen in Neukölln hin, bei denen das Sittlichkeitsempfinden doch stärker ausgeprägt sei.

Doch Patricia Schlimmgen, nach eigener Auskunft selbst Rockträgerin, hat auch das mitbedacht. "Wer sich unsicher auf dem Glasboden fühlt, kann einfach über den daneben liegenden, etwa 1 Meter 80 breiten Teppichstreifen gehen." Auch für die Mitarbeiterinnen der Bibliothek ist die Glasnost in ihrem Haus kein Problem. "Bei uns fühlt sich keine der 40 Mitarbeiterinnen gestört, und auch von den Nutzerinnen hat sich noch niemand beschwert", sagt Bibliotheksleiterin Ursula Siebel. Außerdem würden sich Spanner bei den baulichen Gegebenheiten recht schnell einen steifen Nacken holen - wenn sie denn überhaupt dazu kämen, lange nach oben zu starren: "Das fällt doch auf, wenn dort jemand ausharrt. Unser Informationsstand befindet sich ganz in der Nähe", sagt sie.

Doch das Amt pocht auf seine Vorschriften. "Es kann nicht sein, dass die Mitarbeiterinnen Schlangenlinien laufen müssen. Das Arbeitsschutzgesetz besagt, dass die Verrichtung der Arbeit nicht erschwert werden darf", kontert Rath. Deswegen hat das LAGETSI drei Änderungsvorschläge gemacht: Der Boden wird so geätzt, dass er wie Milchglas aussieht, es wird eine Folie draufgeklebt oder ein Negativbild gemacht, dann wären nur noch die Punkte durchsichtig. Das lehnt die Architektin strikt ab: "Dann wäre ja der Pfiff weg. Da hätten wir ja gleich alles mit Teppich auslegen können."

Damit am Ende kein Scherbenhaufen bleibt, bietet das Amt noch einen Vorschlag zur Güte: "Wenn der Personalrat schriftlich bestätigt, dass die weiblichen Mitarbeiterinnen sich durch den Glasboden nicht gestört fühlen, ist die Sache für uns erledigt", sagt Rath. Nun klebt seit der Bibliothekseröffnung ein Warnschild "Glasfläche nicht betreten" auf dem Glas, was wiederum die Leseratten einen Bogen um den Boden machen lässt - aus Angst einzubrechen. Dabei ist das Glas absolut trittsicher. Dafür gab es Brief und Siegel vom Labor für Stahl- und Leichtmetallbau der FH München.

Der zuständige Stadtrat für Bildung und Kultur, Wolfgang Schimmang, der sich mit dieser "Lappalie" - wie er selbst sagt - beschäftigt, hat erst in den letzten Tagen von dem Ärger in der Bücherei erfahren. "Ich habe mit den Mitarbeitern gesprochen. Da die sich nicht gestört fühlen, werde ich in den nächsten Tagen mit Bitte um Zustimmung schriftlich an den Personalrat herantreten", sagt Schimmang. Ihm sei allerdings schon zu Ohren gekommen, dass der Personalrat zustimmen wird. "Wenn es danach noch dauerhaften Ärger mit der Scheibe gibt, wird das Ding jedoch zugeklebt." Dann hätte niemand mehr den Durchblick in der Bücherei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar