Fotoausstellung : Farbenrausch in dunklen Welten

Der Fotograf Frieder Salm zeigt seine leuchtenden Bilder im Kreuzberger Fichtebunker. Er arbeitet vor allem mit einem: berauschendem Licht.

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Früher diente der Fichtebunker auch als Ausstellungsort, etwa für Fotograf Frieder Salm.Alle Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
09.12.2011 17:16Früher diente der Fichtebunker auch als Ausstellungsort, etwa für Fotograf Frieder Salm.

„Wo ist das Foto aufgenommen worden?“ – das fragen ihn alle, wenn sie seine Bilder zum ersten Mal sehen. Frieder Salm lächelt dann, aber er verrät es nicht. Weniger aus Freude an der Geheimniskrämerei, sondern weil er den Blick des Betrachters nicht lenken möchte. „Jeder findet in den Bildern seine eigene Realität“, sagt Salm. Der Assoziationslust will er keine Grenzen setzen. Es sind Motive, denen der Fotograf mit langen Belichtungszeiten die Schärfe genommen hat, verwaschene Szenarien aus flüchtigen Silhouetten und Lichtschweifen. Die schaffen Freiräume im Kopf. Und Stimmungen, die ganz unmittelbar berühren. „LichtSchichten“ hat Frieder Salm die Ausstellung betitelt, die er jetzt im Fichtebunker in Kreuzberg zeigt.

Salm kennt sich aus mit den dunklen und unterirdischen Orten in der Stadt, zusammen mit seinem Freund Dietmar Arnold hat er nach der Wende die Bunker, Tunnel und Gewölbe Berlins erkundet und fotografisch dokumentiert und später das Buch „Dunkle Welten“ herausgegeben. Seine Frau Martina Reuter hat bei der Dokumentation „Bunker – die letzten Tage“ als Regisseurin mitgewirkt.

In den Katakomben des 130 Jahren alten „Geschichtsspeichers“, wie er den Fichtebunker nennt, sind 14 Exponate platziert, zumeist im Halbdunkel. Beleuchtete Kästen, die in Einzelschichten zerlegte Bilder enthalten, laserkopiert auf Plexiglas, immer vier Platten hintereinander. Echte Fotos, wie er betont, nichts Computergeneriertes, keine Retusche. Der Herstellungsprozess ist technisch hochkomplex und teuer. Jahrelang hat Salm daran herumgetüftelt, das liegt ihm, er ist ein besessener Bastler, der unentwegt bestrebt ist, „die Möglichkeiten der Fotografie ins Extrem zu treiben“.

Der gebürtige Schwabe fotografiert, seit er vierzehn ist, er hat – nach Umwegen über Maschinenbau und Medizin – die Kunst der Kameraführung an der Berliner Fachschule für Optik und Fototechnik studiert. Als Kameramann ist er die Hälfte des Jahres um die Welt gereist, um mit Naturfilmen und Werbung sein Geld zu verdienen, die restliche Zeit hat er seiner Kunst gewidmet.

Die Lebensgleichung ging auf. Bis er vor drei Jahren bei einem Autowerbedreh auf Lanzarote in einem Helikopter saß, der im Tiefflug mit einem Verkehrsschild kollidierte. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. Seinen Beruf kann er nicht mehr ausüben. Aber die Fotografie, die bleibt ihm. Will man von Salm wissen, ob sich durch den Unfall die Perspektive seiner Arbeiten verschoben habe, überlegt er kurz. Und entgegnet, natürlich sei er durch diesen Crash auf die Frage zurückgeworfen worden: Was ist am meisten wert? Ganz klar: Für ihn ist das die Begegnung, der Austausch mit anderen Menschen. „Familie und Freunde haben mich nach dem Unglück über Wasser gehalten“, sagt er. Seitdem konzentriere er sich in seinen Bildern noch stärker auf diese Empfindungen.

Die Tiefenwirkung seiner Werke ist enorm, auch der Perspektivreichtum, der sich eröffnet, wenn man sich nur einen Schritt zur Seite bewegt und ein monochromes Bild plötzlich in den leuchtendsten Prismen zu schillern beginnt. Der größte Kasten misst 3 mal 1,25 Meter, „cameiyoca“ hat Salm das Bild genannt, das steht für „catch me if you can“. Eine Straßenszenerie ist darauf erahnbar, vorüberhastende Frauen im roten Mantel, ein melancholischer Firnis liegt über alledem.

Natürlich schleicht sich die Atmosphäre des Bunkers in die Bilder. Sie werden deutbar als Sehnsuchtsszenarien derjenigen, die hier einst Schutz gesucht haben und die Gedanken auf Reisen schickten. Diese Korrespondenz hat Salm gesucht. Wenngleich es nur eine Lesart unter vielen ist.

Der Drang, hinter die Oberfläche dessen zu schauen, was man Wirklichkeit nennt, der war ihm schon immer gegeben. „Wir haben unsere fünf Sinne, damit begreifen wir die Welt. Aber es gibt doch zehntausendmal mehr zu entdecken“, sagt er. Mit seinen Bildern dringt der Fotograf wie beim Häuten der Zwiebel zum Ungesehenen vor, zum Kern der Dinge. Schicht für Schicht.

Ausstellung LichtSchichten bis 29. Februar 2012 im Kreuzberger Fichtebunker, Fichtestraße 6. Besichtigung immer im Rahmen einer Bunkerführung: Do, 16 Uhr, Samstag und Sonntag ab 13 und 15 Uhr, Tickets unter www.berliner-unterwelten.de.

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