Fotografie : Auge in Auge

Er ist der Türsteher vom „Berghain“. Nebenbei fotografiert Sven Marquardt. Seine Arbeiten stellt er nun aus – auf dem Land.

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Schwarz-weiße Gesichter. Ungewöhnliche Menschen interessieren den Fotografen Sven Marquardt am meisten. Das Porträt der Frau hinter der Spitze ist in seiner Ausstellung „Brüder“ im Museum Mühlenhaupt in Zehdenick zu sehen.
Schwarz-weiße Gesichter. Ungewöhnliche Menschen interessieren den Fotografen Sven Marquardt am meisten. Das Porträt der Frau...Foto: Sven Marquardt

Zehdenick – Den Vorabend hat er sich extra freigenommen. Um ausgeruht zu sein, wenn er Matthias Platzeck zur Ausstellungseröffnung am heutigen Sonntag die Hand schüttelt. Beginn ist immerhin schon um 16 Uhr, zu einer Zeit also, zu der Sven Marquardt unter normalen Umständen erst ins Bett geht, weil seine Arbeit an der Tür des Berghains bis in den frühen Nachmittag hinein dauert. Aber wenn Marquardt schon mal in einer Retrospektive seine Fotografien aus den zurückliegenden 25 Jahren zeigt, dann will er auch ausgeschlafen sein.

„Brüder“ lautet der Titel der Ausstellung, die heute im Kurt-Mühlenhaupt-Museum in Zehdenick eröffnet wird – im Beisein von Brandenburgs Ministerpräsident und von Moderator Jörg Thadeusz. Neben 50, zum Teil großformatigen Fotografien Marquardts werden auch Werke des 2006 verstorbenen Malers Kurt Mühlenhaupt zu sehen sein. Was beide Künstler verbindet, was sie zu Brüdern im Geiste macht, ist ihr Interesse an den Außenseitern der Gesellschaft. Spezielle Typen, ungewöhnliche Persönlichkeiten, Menschen, deren biografische Brüche sich auch im Äußeren manifestieren: Marquardt und Mühlenhaupt rücken sie in den Mittelpunkt ihrer Arbeit, der eine mit der Kamera, der andere mit Ölfarben.

Dass Berlins bekanntester Türsteher seine Fotografien in der brandenburgischen Provinz ausstellt, ist einer Reihe von Zufällen zu verdanken. Die 2010 verstorbene Fotografin Sibylle Bergemann, lange Zeit Marquardts Mentorin, empfahl ihn einst Hannelore Mühlenhaupt. Jahre später wurde die Witwe des Malers durch einen Tagesspiegel-Artikel erneut auf Marquardt aufmerksam. Sie nahm Kontakt zu ihm auf und lud ihn ein, seine Bilder in Zehdenick zu zeigen. Dort hatten sie und ihr Mann in den Neunzigern ein altes Landgut gekauft und ausgebaut. Die Räume, in denen Kurt Mühlenhaupt zuletzt lebte und arbeitete, sind heute Museum und Veranstaltungsort.

Die malerische Umgebung und friedliche Atmosphäre des Anwesens stehen in krassem Gegensatz zu Marquardts düsteren, oft verstörenden Fotografien. Ähnlich empfindet das der Künstler selbst. „Man hält es vor lauter Idylle kaum aus“, sagt Marquardt lachend. Er ist nicht der Erste, der die Vorzüge Zehdenicks für sich entdeckt. Die Stadt scheint eine besondere Anziehung auf Berliner Kulturschaffende auszuüben. Vor zwei Jahren hatte es bereits Autor Moritz von Uslar für die Recherchen zu seinem Buch „Deutschboden“ dorthin verschlagen.

Alles im Blick.Anfang der Achtziger machte Sven Marquardt eine Ausbildung zum Fotografen und arbeitete danach für die Zeitschrift "Sibylle" und "Das Magazin".
Alles im Blick.Anfang der Achtziger machte Sven Marquardt eine Ausbildung zum Fotografen und arbeitete danach für die Zeitschrift...Foto: Jan Behrendt/promo

Seine Werke im Mühlenhaupt-Museum zu zeigen, habe ihn gereizt, sagt Sven Marquardt. Das Gebäude – eine riesige Scheune aus Feldsteinen – erinnere an eine Kathedrale. „Die Architektur, die vielen Querbalken: In so einer Kulisse meine Sachen auszustellen war eine echte Herausforderung.“ Herausforderungen ist der 49-Jährige ja gewohnt. Zu DDR-Zeiten absolvierte der gebürtige Berliner eine Ausbildung zum Fotografen, arbeitete im Anschluss für die Zeitschrift „Sibylle“ und „Das Magazin“, war Teil der Prenzlauer-Berg-Bohème. Weil er als Punk nicht ins sozialistische Weltbild passte, erhielt er von den Behörden „Mitte-Verbot“ und durfte sich in der Gegend um den Alex nicht sehen lassen. In die Redaktion der „Sibylle“ in Mitte fuhr er, um nicht gesehen zu werden, per Taxi.

Marquardts fotografische Schaffenspause nach der Wende, weil seine spezielle Ästhetik plötzlich nicht mehr gefragt war, ist Vergangenheit. Damals arbeitete er als Tätowierer, später als Einlasser im legendären Techno-Club Ostgut. 2003 griff er wieder zur Kamera und stellte Szenen aus Filmen von Rainer Werner Fassbinder nach, die er im Berghain zeigte.

Zurzeit bereitet Sven Marquardt eine neue Porträtreihe vor. Gut möglich, dass Zehdenick für die Aufnahmen als Kulisse herhalten wird. „Ich kann mir vorstellen, mit meinen Modellen da hinzufahren“, sagt er. Neulich war er in Oranienburg; auf einem Autofriedhof fotografierte er Roger Baptist alias Rummelsnuff für das Cover von dessen neuer Platte „Himmelfahrt“. Der Musiker stellt das Album kommenden Donnerstag im „K17“ in Friedrichshain vor. Vorher zeigt er sich aber von einer völlig anderen Seite. Bei seinem Auftritt zur Vernissage im Mühlenhaupt-Museum heute verzichtet er auf die üblichen elektronischen Beats. Ein Akkordeon-Spieler wird ihn begleiten.

Mühlenhaupt-Museum, Bergsdorfer Dorfstraße 1, Zehdenick (Landkreis Oberhavel; ca. 60 km nördlich von Berlin). Einlass ab 14 Uhr, Beginn 16 Uhr. Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 6. Die Bilder sind bis zum 24. Juni zu sehen

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