Berlin : Fotografie: Der Kanzler und die Erotik des Alters

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Keiner hatte mehr Bundeskanzler vor der Linse als er. Also war es kein Zufall, dass Gerhard Schröder persönlich die Ausstellung von Konrad R. Müller eröffnete. Könnte man annehmen.

Am Donnerstagabend war es nämlich soweit. Da kam der Kanzler ins Kronprinzenpalais Unter den Linden spaziert, um an der Seite des Fotografen die Treppen des Interimsquartiers vom Deutschen Historischen Museum hochzusteigen, vertraut zu plaudern, um dann festzustellen: Hoppla, wir sind ja noch viel zu früh. Machte aber nichts. Oben war das Gedränge bereits groß.

Dass Gerhard Schröder aber die Ausstellung eröffnete, lag auch daran, dass Konrad R. Müller und er sich vertraut sind. Deshalb war Schröders Ansprache auch persönlich gehalten. Aber dennoch hat er sich jedes Wort akkurat aufgeschrieben: "Das hat einen besonderen Grund", sagte Schröder, "Müller ist nämlich immer so nachtragend." Also bloß keine Patzer, bloß nicht jetzt.

Der Kanzler in Plauderlaune: Er bewundere Müllers Arbeitsweise. Stets ohne großen Aufwand, immer mit seiner Rollei-Kamera bewaffnet. Vielleicht mal mit einem Stativ, "oder mit seiner Frau, die ich bewundere", so Schröder, "auch, weil sie es so lange mit ihm ausgehalten hat." Damit nicht genug. Schröder wunderte sich darüber, wie man in den 60er Jahren darauf kam, Konrad Adenauer abzulichten: "Viele junge Menschen haben in den 60er Jahren weiß Gott anderes gemacht, ich weiß wovon ich rede." Manche seien mit der Planung der Revolution beschäftigt gewesen, "von der wir jetzt bemüht sind, sie zu verhindern", so Schröder weiter. Kurzes Gelächter. "Ich meine damit nicht nur den Außenminister", sagte er schließlich mit einem Augenzwinkern zu Joschka Fischer. Anhaltendes Gelächter.

Schließlich holte Schröder richtig aus. Gebauchpinselt fühle er sich vom Katalog-Kommentar unter seinen Porträts. "Er bewegt sich unweigerlich in Richtung auf die Schönheit und Erotik des Alters", zitierte der Kanzler sichtlich zufrieden, um nachzuschieben: "Nur keinen Neid." Was der Kanzler nicht wiedergab, ist dieser Satz des Kommentars: "Ein Spitzenpolitiker ist auch Schauspieler - wehe, der Applaus entfällt."

Dass es nicht allein Müllers Renommee und auch nicht allein das gute Verhältnis zwischen beiden war, weshalb Gerhard Schröder die Ausstellung eröffnete, verriet schließlich Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in seiner Laudatio auf den Fotografen. Als Schröder nämlich noch nicht Ministerpräsident in Niedersachsen war, ließ er sich von Müller für den Wahlkampf fotografieren. Und damals versprach er: Wenn du mal eine Ausstellung machst, komme ich und eröffne sie. Was der Fotograf vermutlich für sich behalten hatte, gab di Lorenzo auch noch preis: Müller war lange Jahre aktives Mitglied der Jungen Union Berlin-Marienfelde. Da werden sich die Herren Schröder und Müller noch einiges zu erzählen haben.

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