Fotografie : Mauerfall: Wie eine freigelegte Narbe

Zwei Fotografen haben sich dem ehemaligen Grenzstreifen gewidmet. Sie sind an der nicht mehr vorhandenen Mauer auf Spurensuche gegangen.

 Eva Kalwa

Auf die Idee, den rund 155 Kilometer langen einstigen Ring der Berliner Mauer rund um West-Berlin entlang zu laufen, kam Dominique de Rivaz beim Vorlesen. Eine alte Nachbarin in der Triftstraße in Wedding, wo die Filmregisseurin („Mein Name ist Bach“) seit zwölf Jahren lebt, wollte nämlich gern von Hape Kerkelings Pilgerreise auf dem Jakobsweg hören. Und den war de Rivaz 1986 selbst gegangen. „Als ich bei der Lektüre daran erinnert wurde, zuckte es plötzlich in meinen Beinen“, erzählt die 56-Jährige.

An einem kalten Wintertag Ende 2006 zog sie los, ohne ihrer Familie etwas davon zu sagen. Und ohne, dass sie zunächst plante, ihren Weg, der mit Unterbrechungen bis 2009 dauerte, fotografisch zu dokumentieren. „Doch als ich die Energie spürte, die diese schwer belastete ehemalige Grenze ausstrahlte, wusste ich: Das muss ich in Bildern festhalten.“ Herausgekommen ist „Endlosschleife – der Berliner Mauerweg“, ein Bildband mit 242 ausgewählten Fotos, die de Rivaz rechts und links des ehemaligen Todesstreifen gemacht hat.

„Es war ein Gefühl, als würde ich auf dem Rücken eines Drachen laufen, der sich unter der Erde um die ganze Welt windet“, sagt sie. In Berlin sei die Mauer zwar nun verschwunden, aber in Mexiko und Palästina würden neue errichtet: „Jede Mauer ist für mich ein Symbol für die Furcht des Menschen vor dem vermeintlich Fremden und seine stets große Bereitschaft, die Grenzen zu anderen dicht zu machen“, sagt die Fotografin. Durch eine sensible, ausgewogene Bildsprache spürt sie dem einstigen Mauerring nach wie einer durch den Winter freigelegten Narbe, „deren Anfang überall ist“: Am Potsdamer Platz, zwischen Kollhoff-Haus und buntem Mauerrest, unter alten Peitschenlampen in Rudow, am Groß Glienicker See, wo sich heute Grundstückseigentümer über neue Grenzen streiten, auf der menschenleeren Potsdamer Chaussee genauso wie hinter Stacheldrahtzaun in Frohnau oder am videoüberwachten Ufer des Spandauer Schifffahrtskanals.

Zu de Rivaz herausragendsten Eindrücken zählt ihr Weg über das heutige Naherholungsgebiet Bieselheide: „Der 50 Meter breite Sandstreifen löste in mir regelrecht einen Schock aus, bei dem ich die ganze Gewalt dieses wahnwitzigen, menschenverachtenden Projekts spürte“, sagt sie. Überhaupt sei eine der zentralen Fragen auf ihrem Weg gewesen: Was darf ich empfinden? Mitleid mit den Opfern, Hass auf die Täter, Faszination für die Perfidie des Mauerbaus? Eine abschließenden Antwort hat de Rivaz nicht gefunden – aber viele einzelne Puzzleteile, die zwar kein vollständiges, wohl aber authentisches Bild vom Mauerweg liefern. Gerade weil es so subjektiv ist.

Ganz anders, mit dem Ziel größtmöglicher Neutralität, hat sich der Düsseldorfer Fotograf Stephan Kaluza der früheren Mauer aus rein westlicher Perspektive genähert, Seitwärtsschritt für Seitwärtsschritt: Für seinen Bildband „Die unsichtbare Mauer“ hat der 45-Jährige rund 30 000 Bilder von der ehemaligen Sektorengrenze zwischen Schildow und Schönefeld gemacht. Immer genau in einem Meter Abstand voneinander, mit einer Brennweite von 55 Millimetern, wie sie dem menschlichen Auge entspricht. Würde man alle Fotos aneinander legen, ergäbe das ein rund 1000 Meter langes Bild, das Buch selbst zeigt daher nur einen Teil der Fotos. Kaluza hat sich als Künstler dem horizontalen Motiv verschrieben, das er mit seiner Konzeptarbeit nüchtern, ohne Rücksicht auf das perfekte Licht oder mögliche Hindernisse, im Bild einfangen will. So hat er auch schon Rhein und Themse in diesem Verfahren fotografiert. Zur Mauer selbst habe er keinen sehr persönlichen Bezug, so Kaluza, obwohl er um die Zeit des Mauerfalls und später selbst länger in Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg gelebt hat.

Im Gegensatz zu den Flüssen konnte er in Berlin allerdings nur etwas fotografieren, was physisch nicht mehr da ist: „Wie einen Geist, den man versucht einzufangen“, sagt Kaluza. Erst während der Arbeit zwischen Sommer 2008 und Frühjahr 2009 wurde ihm bewusst, dass sein Projekt auch provozieren könne: „Denn durch die Fotostrecke wird die Mauer, wenn auch nur im Bild, wieder errichtet“, so Kaluza. Bemerkenswert fand er die vielen, oft mit Stacheldraht gesicherten Bretterwände und Bauzäune wie in Mitte oder Kreuzberg, die manchmal sogar so hoch sind wie die ehemalige Mauer. „Substitute“ nennt der Fotograf diese neuen Grenzen anstelle der alten. Und hier treffen sich die Gedanken von Kaluza und de Rivaz, wenn die Fotografen auch sonst ganz unterschiedliche Wege entlang der einstigen Mauer gegangen sind.


Fotokunst

Bildband. Buchpremiere „Endlosschleife – der Berliner Mauerweg“ (Benteli-Verlag, 39 €) am 9. September um 19 Uhr in der Französischen Buchhandlung, Linienstraße 141, Eintritt frei.

Ausstellung. Die Schau des „Mauer-Projekts“ (Dumont-Verlag, 49,94 €) von Stephan Kaluza auf 70 Metern im Künstlerhaus Bethanien vom 17. September bis 11. Oktober, Eintritt frei. Tsp

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