Berlin : Fotografie: O Schreck, ich lebe!

Ronald Berg

Nein, Känguruhs gibt es auf diesen Bildern nicht zu sehen. Statt dessen eine gnomenhafte Kreatur, dem Aussehen nach eine Kreuzung aus Bettwurst und Schweinchen Dick. Der possierliche Nackedei mit dickem Schwanz, erstaunlich dürren Fingerchen und winzigen Äuglein fährt auf dem Beifahrersitz im Auto und scheint auch sonst Liebling der Kinder zu sein. Das digitale Haustier stammt aus dem Computer: Patricia Piccinini hat es entworfen und in Farbfotos einkopiert. Ihre Bilder sind der lustigste Beitrag zur Ausstellung zur "Zeitgenössischen Fotokunst aus Australien" im Neuen Berliner Kunstverein. Die Auswahl wurde besorgt von Bernice Murphy, der ehemaligen Direktorin des Museums of Contemporary Art in Sydney. Sie versammelt die Generation der nach dem letzten Weltkrieg geborenen Künstler. Diese Altersklasse begriff Fotografie erstmals als künstlerisches Medium. Die Karriere der Fotografie als Kunst begann auf dem fünften Kontinent erst mit der Konzeptkunst und der Dokumentation von Peformances während der 70er Jahre.

Mike Parr und Peter Kennedy waren in den 70ern dabei. Parr, der sich damals in regelmäßigen Abständen Heftzwecken ins Bein stach, um "die symbolische Ordnung zu brechen", wie Murphy meint, hat sich seinen Hang zu Bluträuschen und Selbstverstümmelungen bis heute bewahrt. In der Ausstellung ist er mit dem lakonischen Doppel-Porträt eines Arm- und einer Brustamputierten zu sehen und mit Fotos einer Performance, bei der eine Braut in einem blutüberströmten Glaskasten liegt.

Parrs alter Freund Kennedy hat das Erschrecken vor der eigenen Existenz in einer großen Installation verarbeitet. Sie zeigt sieben Menschen, die jenem Tag im Jahre 1945 starben, da der Künstler geboren wurde: in alten, gleichwohl verfremdeten Dokumentaraufnahmen und Texten, die auf fluoreszierenden Leuchtstoffröhren zu lesen sind. Nazis, Soldaten und eine Widerstandskämpferin finden sich im Tag ihres Todes versammelt - eine sinnlose Versammlung, die das Sinnlose ihres Schicksals offenbar macht.

Der Ursprung der Fotografie als künstlerischem Medium in der Konzeptkunst mag auch dafür verantwortlich sein, dass die von Murphy ausgesuchten 15 Künstler - darunter zehn Frauen - ohne ihren besonderen Kontexte nur unzureichend begriffen werden können. Fotokunst in Australien, so will es im NBK scheinen, ist eine ziemlich hermetische Angelegenheit und eine außerordentlich spröde dazu.

Jene vom Großlabor abgezogenen, auf orangefarbenes Papier geklebten und in Mappen als Archiv kompilierten Aufnahmen, mit denen John Nixon den Zufälligkeiten des Lebens auf die Schliche kommen möchte, müßte man tatsächlich banal und dilettantisch nennen, wären sie nicht die Illustration eines Konzepts. In dieser Eigenschaft aber werden sie zur bloß sinnlichen Konkretion einer Idee degradiert.

Leider ist Nixon keine Ausnahme. Das Künstlerische der australischen Fotokunst zeichnet sich nur allzu oft dadurch aus, dass es die Arbeit am Medium Fotografie hintanstellt, um sich zum politisch korrekten Erfüllungsgehilfen eines poststrukturalen Diskures zu machen. Die von Murphy hierbei ausgemachten Kategorien sind vor allem: Feminismus und postkoloniale Kritik.

Aber Jane Eisenmanns digital gestrickte Strumpfhosen an Damen ohne Oberleib werden dadurch nicht besser, dass sie feministisch gut gemeint sind. Ebensowenig wie die alten ethnographischen Fotos nachgestellten Selbstporträts von Fiona Foley, die im Bastrock an ihre "indigenen" Vorfahren erinnern will. Diese Fotos sind einfach schlecht gemacht. In der Gesinnung korrekt, vielleicht politisch engagiert oder was Murphy sonst noch für ideologische Präferenzen pflegt: Mit Kunst haben sie nur insofern zu tun, als sie die "richtigen" Meinung kolportieren.

Auch Rosemary Laing entkommt mit ihren fotografischen Flugerforschungen dieser Gefahr nur knapp. Ihre Speerwerferin attackiert den geöffneten Rachen eines Großraumflugzeuges - will heißen: Die (männlich-konnotierte) Technik ist schlecht. Denn wahres Fliegen ist doch viel eher ein unbeschreiblich weibliches Gefühl, ein Zustand, den Laing mit einer in den Himmel versetzten Braut vorstellt. Immerhin haben Laings Fotos eine gewisse Situationskomik, das hilft vor Vereinnahmung durch eine allzu feministische Dogmatik.

Das fotografische Tableau bleibt im NBK im übrigen nicht ausgespart. Hier ist es vor allem die bekannteste australische Fotokünstlerin Tracey Moffatt, die technisch aufwendigen Inszenierungen erfindet, die aussehen als hätte sie Filmstills mit Historienbildern gekreuzt - oder neuerdings mit Märchendekorationen aus dem Kindertheater. Mit fratzenhaften Bäumen, Hexen, fliegenden Hunden, schwarzen Unglücksvögel und professionellen Schauspielern gelingt es Moffatt, in einer einzigen stillgestellten Szene ganze Geschichten zu erzählen.

Nicht filmisch, sondern malerisch inszeniert Bill Henson seine großformatigen Farbaufnahmen: In barocker Lichtführung wie bei Caravaggio wird da ein Frauenprofil aus dem dunklen Bildraum herausgeholt oder es werden zwei jugendliche Körper vorgeführt, wie man sie mit dieser Eindringlichkeit in der Fotografie kaum noch vermutet hätte. Henson zeigt, was das Medium Fotografie zu leisten vermag, wenn es sich auf ureigenste Qualitäten besinnt: Hier kann man von Fotokunst reden.

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