Fotografie : Warum Fehler das Schönste und Analogfotografie mehr ist als Nostalgie

Tilman Kalckhoff liebt die analoge Fotografie – weil sie nicht perfekt ist. Nun hat er in Neukölln eine Dunkelkammer für alle gegründet.

Valerie Schönian
Analoge Welt. Im Keller des Ida Nowhere in Neukölln kann man Fotos noch wie früher entwickeln. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas
Analoge Welt. Im Keller des Ida Nowhere in Neukölln kann man Fotos noch wie früher entwickeln. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Paradoxerweise begann alles am Computer. Mit den Begrifflichkeiten beim Bildbearbeitungsprogramm „Photoshop“: das Wedeln, der Weichmacher, der Pegel, der den Kontrast verstellt. „Da habe ich gemerkt: Das kann man ja auch alles per Hand machen.“ Damals war Tilman Kalckhoff 19 Jahre alt und betrat in Stuttgart zum ersten Mal eine Dunkelkammer. Heute ist der Student 29. Immer noch steht er unter dem Rotlicht vor den quadratförmigen Schüsseln mit dem belichteten Papier in der Hand – aber diesmal in Berlin, im Keller des „Ida Nowhere“ in Neukölln.

Seit vergangenem November kann jeder die Dunkelkammer nutzen. Das ist eine Rarität, selbst in Berlin. Es gibt nur wenige öffentlich zugängliche Dunkelkammern und deren Nutzung kostet mindestens 25 Euro. Im „Ida Nowhere“ zahlt man für das Entwickeln nur acht Euro, weil der Projektraum auf Non-Profit-Basis läuft und sich durch Spenden finanziert. „Wir wollten eine Dunkelkammer gründen, deren Nutzung möglichst unkompliziert und vor allem billig ist“, sagt Kalckhoff, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Nun können vier Personen auf einmal den Raum nutzen. Dafür arbeiten neben Kalckhoff vier weitere Fotoliebhaber unentgeltlich in dem Projekt.

Eineinhalb Jahre haben sie – damals noch zu siebt – geplant und gebaut, bis die Kammer eingerichtet war. Alles in ihr ist gespendet: das Fotopapier, die Pressen dafür, die zig verschiedenen Chemikalien, die Kanister zur Entsorgung. „Jedes Stück hat eine Geschichte“, sagt Kalckhoff und schlendert durch den Raum. Er zeigt auf das Regal links neben dem Eingang, das nach dem ersten Zusammensetzen durch die Handwerkslaien sofort wieder auseinanderfiel. Der Vergrößerer rechts daneben, „unser Prachtstück“, kommt aus einem Polizeiarchiv – „mit ihm wurden früher bestimmt die Abzüge der Tatortfotos entwickelt“, sagt der Student und grinst. Die Rollenpapiere in der Ecke hat eine Spenderin eingestaubt auf ihrem Dachboden gefunden. Sie sind zwar alt, aber dienen zum Experimentieren, man wisse schließlich nie, was passiert, sagt Kalckhoff: Mal sind die Graustufen verschoben, schwarze oder weiße Streifen ziehen sich über das Bild oder die Farben werden dunkler als gewöhnlich. „Das, wofür man sich heute die Instagram-App holt, passiert hier einfach so“, sagt Kalckhoff. „Der Fehler ist das Schöne.“

Die Bilder werden zuerst unter dem Vergrößerer belichtet und dann nacheinander in verschiedene Chemikalien, die in den quadratischen Schüsseln unter dem roten Licht schwappen, gelegt: zuerst in den sogenannten Entwickler, in dem das Papier plötzlich ein Bild zeigt. Danach wird das Blatt in den Stopper gelegt, um den Prozess aufzuhalten, dann in den Fixierer, damit das Motiv nicht verläuft und schließlich in Wasser, um alles abzuspülen. „Es ist wie ein Stück Alltagsmagie“, schwärmt Kalckhoff während er das Prozedere erklärt.

Um diese im digitalen Zeitalter fast vergessene Kunst wieder in Erinnerung zu rufen, bietet das Dunkelkammer-Team im April zum ersten Mal einen Workshop für Interessierte an – um zu zeigen, was sich ursprünglich hinter den Photoshopfunktionen versteckt. „So ein Foto in die Hand zu nehmen, ist viel schöner, als es nur auf dem PC zu sehen und zu bearbeiten“, sagt Kalckhoff.

Aber braucht man das alles noch – wenn es doch bei Photoshop per Mausklick geht? „Es ist eine Liebhaberei“, antwortet Kalckoff auf solche Fragen. „Aber wir wollen ein Gefühl dafür schaffen, dass es sich lohnt, solche Liebhabereien, egal wie absurd sie sind, weiter zu leben.“

Die Dunkelkammer im „Ida Nowhere“, Donaustraße 79, Neukölln, ist donnerstags zwischen 17 und 21 Uhr und samstags zwischen 14 und 18 Uhr geöffnet, zwei Stunden kosten acht Euro. Nutzer sollten Erfahrung in der Dunkelkammer haben. Für Neulinge gibt’s am 20. und 21. April einen Workshop, Kosten: 25 Euro inkl. SW-Kleinbildfilm, Chemikalien und drei Blatt A4-Papier. Kamera muss mitgebracht werden! Anmeldung im Vereinshaus. www.ida- nowhere.com oder: ida-duka.tumblr.com

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