Fotoserie "Souls in a Box" : Lebenskunst auf 20 Quadratmetern

Aus Italien verschlug es Andrea Baiardo und Matilde Favaro nach Neukölln. Hier schaffen und vermarkten sie Werke von skurriler Schönheit. Die Fotografin Alessandra Mannisi hat die beiden für ihre Serie "Souls in a Box" porträtiert.

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Leben im Boudoir. Die 29-jährige Englänmderin Holly Jade O'Leary, die als Musical-Autorin und -Regisseurin arbeitet, wird durch Zukunftsmythen und alte Legenden inspiriert. Sie ist eine der Berlinerinnen, die die Fotografin Alessandra Mannisi für ihre Serie "Souls in a Box" fotografiert hat. Die Italienerin zeigt darin Menschen in ihren Lebensräumen. Die schönsten Bilder daraus zeigen wir in unserer Bildergalerie.Alle Bilder anzeigen
Foto: Alessandra Mannisi
28.12.2014 12:27Leben im Boudoir. Die 29-jährige Englänmderin Holly Jade O'Leary, die als Musical-Autorin und -Regisseurin arbeitet, wird durch...

Ein bisschen sauer sei sie schon gewesen, als er sich den großen Tisch ins kleine Zimmer gebaut hat, sagt der Künstler Andrea Baiardo über seine Freundin. Sie sind seit vier Jahren ein Paar und von Beginn an leben Baiardo, 25, und Matilde Favaro, 27, nicht nur unter demselben Dach in einer Wohnung im Neuköllner Rollbergviertel - sie teilen sogar das gemeinsame WG-Zimmer, samt Hund. Und Ekos ist ein Riesentier, die Mutter ein Schäferhund, der Vater ein Wolf.

Zunächst waren sie Mitbewohner, die sich jeweils ein Zimmer mit einer weiteren Person teilten. Doch als dann Liebe aus der Freundschaft wurde, zog Matilde gleich rüber zu Andrea ins Zimmer. Und auf diesen rund 20 Quadratmetern arbeiten sie auch zusammen. Andrea Baiardo ist Illustrator, Favaro seine Assistentin und Kuratorin. Sie kümmert sich um die Vermarktung seiner Werke, verkauft im Internet Drucke seiner Illustrationen, lässt T-Shirts, Postkarten, Anstecker herstellen. Die Zeichnungen hängen auch im gemeinsamen Zimmer. Es sind Werke voller Skurrilität: die schöne Frau etwa, auf deren Kopf ein Schweineschädel thront. Um sie herum ranken sich Blumen und seltsame Gewächse.

Ähnlich wirkt das gesamte Zimmer: getrocknete Pflanzen überall, Tierschädel, Federn, Muscheln, Steine. Nicht zu vergessen die Riesenkäfer, die Baiardo auf kleinen Leinwänden mit Tierknochen und -zähnen schmückt und aufhängt. Das Zimmer ist dabei in ständigem Wandel. "Das ist eine unendliche Geschichte", sagt Favaro. "Wir verschieben Kisten und Zeug immer wieder an andere Stellen." Wohl fühlen sie sich beide darin. Baiardo begreift die gemeinsame Sammlung als "Studie der Schönheit" - ihr Interesse gilt der Perfektion natürlicher Formen. Trotz der Fülle an den Wänden und in den Regalen ist das Zimmer sehr aufgeräumt, mit nur einem Kleiderschrank für zwei Personen und ein paar übereinandergestapelten Kisten als Aufbewahrungsort.

Auch diese besondere Wohnsituation hat die Fotografin Alessandra Mannisi ihre Serie "Souls in a Box" festgehalten und die beiden Bewohner porträtiert.

Wenn Andrea Baiardo an seinem großen Schreibtisch sitzt, kann er durch das Fenster vor sich in den kleinen Wintergarten blicken, in dem Matilde Favaro ihre Kakteen- und Sukkulentensammlung pflegt. Oft arbeitet sie hier, er am Tisch, zwischen sich die Scheibe - "dann schneiden wir lustige Grimassen", sagt Favaro und lacht.

Sie zeigt ihre Pflanzensammlung und begeistert sich für ein kleines Gewächs mit vielen spitzen Stacheln an den Rändern. "Das ist ein Tigermaul", sagt sie. "Und man sieht sofort, woher der Name kommt." Favaro gestaltet Kompositionen aus den Gewächsen, kleine Töpfe mit Steinen und Hölzern, die sie um die Pflanzen herum arrangiert.

Nach Berlin kamen beide vor etwa fünf Jahren aus Italien. Von beiden waren bereits mehrere Freunde hierhergezogen. "In Italien gibt es keine Zukunft mehr für junge Leute", sagt Matilde Favaro. Baiardo ergänzt: "Sie haben eine Identitätskrise. Sie wissen nicht mehr, was sie wollen." Er wusste es jedoch genau. Er wollte sich auf seine Arbeit als Künstler konzentrieren und ist heute froh, dass er es gewagt hat.

Auch für Matilde Favaro war es ein Traum, als Künstler-Managerin zu arbeiten. Eine Arbeit von Baiardo nach der anderen zieht sie hervor und zeigt sie. Hier der Druck vom Kunstfestival vergangenes Jahr, dort der Druck, bei dem die Farben besser gelungen sind.

Was sie an Berlin lieben: "Dass es eine riesige Stadt ist. Aber so entspannt", sagt Baiardo. Viel Geld verdienen sie nicht - doch das sei in einer Stadt wie Berlin auch gar nicht nötig. Manchmal arbeitet Matilde Favaro für eine Weile in einem Restaurant oder hilft in einer Siebdruckwerkstatt aus, um das gemeinsame Budget aufzustocken.

Im Sommer ziehen sie über Kunstfestivals, dafür haben sie ein Wohnmobil. "Schon als Kind habe ich davon geträumt, mit einem Bus unterwegs zu sein. Und genau das lebe ich jetzt", sagt Favaro und grinst zufrieden. Irgendwann wollen beide gemeinsam aufs Land ziehen, in die Natur. Aber für den Moment ist Berlin genau das Richtige für sie. So lange haben sie hier einen Schrebergarten in Treptow, den sie regelmäßig besuchen, um ihre Naturstudien fortzuführen. Wem aus der Sammlung an Fundstücken was gehört, sei gar nicht mehr so einfach auseinanderzuhalten, meint Matilde Favaro. Aber das stört sie nicht, denn sie sind beide überzeugt: Wir bleiben zusammen. Und von der Sammlung würden sie sich ebenfalls nie trennen. Viele Arbeiten von Andrea Baiardo gibt es im Internet zu sehen: www.behance.net/subliquidaproject.

Die Fotografin der Fotoserie "Souls in a box", Alessandra Mannisi, sucht weitere kreative Menschen, die in Berlin in interessanten Wohnräumen leben. Kontakt per E-Mail: alessandramannisi11@gmail.com. Mehr Informationen zu ihrem Projekt gibt es online auf www.soulsinabox.tumblr.com

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