Fränkie und die Asservaten : Ein Versteigerungsbesuch im Amtsgericht Tiergarten

Computer ohne Festplatten, eine Kiste voller Rasierklingen, Kinderspielzeug, ein Fahrrad. All diese Dinge waren irgendwann Teil eines Gerichtsverfahrens. Jetzt kommen sie unter den Hammer.

Pascale Müller
Versteigert werden im Amtsgericht Tiergarten fast jede Woche ehemalige Asservate – also Gegenstände, die bei Gerichtsverfahren eine Rolle gespielt haben
Versteigert werden im Amtsgericht Tiergarten fast jede Woche ehemalige Asservate – also Gegenstände, die bei Gerichtsverfahren...Foto: dpa

Es ist 11 Uhr am Freitagvormittag; im Versteigerungsraum des Amtsgerichts Tiergarten stehen die Schnäppchenjäger bereit. Versteigert werden heute wie fast jede Woche ehemalige Asservate – also Gegenstände, die bei Gerichtsverfahren eine Rolle gespielt haben und seither hier aufbewahrt werden (lat. asservare).

Der Titel der Veranstaltung, „Bunte Mischung“, trifft sowohl auf die Artikel als auch auf die Bietenden zu: Gebrauchtwarenhändler, Studenten und Frührentner. Die meisten der etwa fünfzig Anwesenden kennen einander.

Ein Justizbeamter, den hier alle „Fränkie“ nennen, bittet um Ruhe. Es geht los. Erster Artikel ist ein PC ohne Festplatte und ein ominöses „Multifunktionsgerät“. Auktionator ist ein Herr mit grauem Schnauzer und gleichfarbiger Strickjacke. „Jetzt überschlagt euch nicht!“, sagt er, der Computer bringt gerade einmal das Mindestgebot von einem Euro ein. Doch bei solch kläglichen Beträgen bleibt es nicht. Eine Kiste voller Rasierklingen ist jemandem ganze 150 Euro wert.

435 Euro für ein Autoradio

Wer den Zuschlag erhält, bezahlt beim grauen Herrn, natürlich bar. Beatrice Rausch, Studentin aus Charlottenburg, ist zum ersten Mal auf einer Versteigerung. Ein schwarzes Fahrrad hat es der 27-Jährigen angetan. Doch die erfahrenen Bieter haben die Hand schneller und länger in der Luft. Beatrice ärgert sich sichtlich, als das Rad an einen anderen geht: „Jetzt denke ich mir, wäre ich doch bis 50 Euro mitgegangen.“

Auch Christina Hörta, 65, musste sich angesichts der Profibieter geschlagen geben. Die Charlottenburgerin wollte Spielzeug für ihr Enkelkind ersteigern. Einige sind tatsächlich nur hier, um den Preis hochzutreiben. „50!“, rufen sie aus dem Hintergrund, Sekunden später: „70!“. Kurz bevor es ernst wird, steigen sie aus. Das höchste Gebot heute: 435 Euro für ein originalverpacktes Autoradio.

Bei manchen Artikeln macht es die Zusammenstellung. Ein Zelt, ein Paar Trekkingschuhe und Funktionskleidung für 105 Euro sind vielleicht der Start in den nächsten Campingurlaub. Weniger attraktiv: die Kombination aus Akkuschrauber, Rucksack und einer einzelnen Creole. Der letzte Schrei ist ein Einkaufstrolley im Leopardenmuster. Kommentar von „Fränkie“: „Passend zur Unterwäsche“.

Früher war es besser

Echte Urgesteine sind Horst Müller aus Mitte und Harry Schmidt aus Charlottenburg. Seit zehn beziehungsweise sogar 20 Jahren kommen die beiden schon zu den Versteigerungen. Mittlerweile in Frührente, stehen sie nun auf jeder Auktion im Amtsgericht in der ersten Reihe. Müller hat heute zwei Computer ohne Festplatte ersteigert. „Man kauft hier alles auf Verdacht“, sagt er. Zu Hause baut er sie auseinander und hofft, dass noch was Brauchbares drin steckt. Oft aber gebe es auch Enttäuschungen. „Früher konnte man noch ein echtes Schnäppchen machen“, sagt Müller. „Heute kommen zu viele Leute, die den Preis hochtreiben.“

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