Berlin : „Fräulein, Sie warten gewiss schon lange?“

Das Geheimnis der Jungfernbrücke: Eine Zeit lang hatten die Behörden im 19. Jahrhundert noch versucht, die Prostitution zu zentralisieren – vergebens. Zum Jahrhundertwechsel war Berlin auch in diesem Gewerbe Spitze, und man sorgte sich sich nur noch darum, die Geschlechtskrankheiten einzudämmen.

Ingo Bach

Das anständige Berlin war entsetzt: Nicht mal Gymnasiasten waren geschützt vor der Lasterhaftigkeit der Straße und der Bordelle. An der Fischerbrücke (heute: Fischerinsel) entwickle sich das Treiben der „interessanten Damen“ und ihrer „Beschützer“ immer schlimmer, wetterte die „Berliner Morgenpost“ am 12. August 1899. Dies sei „umso bedauerlicher, als die Straße vielfach von den Schülern des Köllnischen Gymnasiums in der Inselstraße passiert wird.“

Beschwerden der Anwohner über die unsittlichen Zustände und die unhaltbaren Gefährdungen der Jugend veranlassten die Obrigkeit, Polizisten auf die Straße zu schicken. Doch auch die bekam die Un-Sitte an der Fischerbrücke nicht in den Griff. Schon beim ersten Sonnenlicht streiften die Dirnen ihre Dienstuniformen über – die Brüste waren unnatürlich prall hochgeschnürt, auf dem Kopf balancierte ein überladener Hut – und gingen geschäftig auf der Gasse auf und ab. Für geübte Männerblicke waren sie nicht zu übersehen. „Gewöhnlich verraten sie ihren Stand dadurch, dass sie bei der Annäherung eines Mannes stehen bleiben, denselben mit den Augen fixieren und einige Schritte nachsehen oder dass sie beim Vorübergehen irgendeine obszöne Melodie leise vor sich hinträllern.“ Dieses Sittengemälde verdanken wir einem besonders fleißigen Chronisten des Berliner Dirnentums, Hans Ostwald.

Anständige Frauen trauten sich an der Fischerbrücke gar nicht mehr aus dem Hause, berichteten besorgte Zeitgenossen. Nicht verwunderlich, denn manchmal gerieten die Damen bei dem lebhaften Betrieb in gefährliche Nähe zu den Huren. Da kam es schon mal vor, dass sich ein interessierter Mann oder die Polizei vertaten. Immer wieder meldeten die Zeitungen, dass allein stehende Frauen in unflätigster Weise zu gewissen Dienstleistungen aufgefordert wurden, nur weil sie über eine öffentliche Straße flanierten. Manchmal wurden sie auch verhaftet, weil der Schutzmann ihre Kleidung als zu auffallend befand oder ihr Gebahren als zu aufreizend.

Und als wäre das alles für die geplagten Leute von der Fischerbrücke noch nicht genug an Gefahr, befand sich ganz in der Nähe eines der ältesten Bordelle der Stadt, gleich an der Jungfernbrücke, von der boshafte Zungen behaupteten, die hätte ihren Namen eben von jenem „Treiben“. Zu Unrecht: Denn die vielen unverheirateten Töchter einer Hugenottenfamilie, die hier ihren Marktstand aufgeschlagen hatte, sollen vielmehr den Namen gestiftet haben.

Beim Anblick der losen Frauenzimmer fühlte der Korrespondent der „Morgenpost“ sich an die Zeiten der „Königsmauer – unseligen Angedenkens“ erinnert. Diese berüchtigte Gasse direkt an der Klosterstraße war erst knapp zehn Jahre zuvor komplett abgerissen worden. Der Magistrat wollte damit das von den Vorvätern ererbte Problem der an einem Platz zusammengedrängten Bordelle aus dem Weg schaffen. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die preußische Regierung die über die Stadt verteilten Freudenhäuser nach und nach zur Königsmauer abgeschoben – bis um 1850 nahezu alle der dort gelegenen 52 Häuser ein „Etablissement“ waren. In ihnen arbeiteten zwischen sieben und 25 Prostituierte. Geleitet wurden sie meist von Frauen, weil Männer für so etwas nicht geeignet seien, wie ein Beobachter meinte. Wer diese Gasse entlangschlenderte, der ließ an seinen Absichten keinen Zweifel – ebenso wenig, wie die „Frolleins“, die mit viel sagenden Blicken und eindeutigen Gesten versuchten, die Freier in ihr Haus zu locken, obwohl genau das polizeilich strengstens verboten war.

Für die anständigen Bürger war diese Straße ein Graus, für die weniger anständigen ein verruchter Anziehungspunkt. Schon in den Morgenstunden zog so mancher Schuljunge heimlich durch die Gasse, um die Huren bei ihrer Morgentoilette zu beobachten. Die Frauenzimmer säßen dann mit „halbentblößtem Körper ganz ungeniert am offenen Fenster“, vermerkte ein entsetzter Chronist in seinem Notizheft.

Der Dienst im Bordell war streng reglementiert: Man traf die Damen im großen Versammlungsraum. Wünschte man, sich mit der Wahl seines Herzens in eines der rückwärtigen Zimmer zurückzuziehen, dann musste man erst an der Wirtin vorbei. Die drückte ihrer Dirne ein Kerzlein in die Hand, das nur wenige Minuten Brenndauer zu bieten hatte. Da die Zimmer ansonsten stockfinster waren, gemahnte dieser von der Kerze arg begrenzte Zeitraum die Männer nachdrücklich zur Eile. Und die Wirtin hatte anhand der abgebrannten Lichter immer einen Überblick über die Anzahl der Herren, die ihre Mädchen empfangen hatten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es mit dieser halb akzeptierenden Reglementierung vorbei. Zunächst versuchte man, die Bordelle ganz zu verbieten, um dann ernüchtert feststellen zu müssen, dass sich immer mehr illegale Bordelle über der Stadt verteilten und sich die Prostitution immer massenhafter auf den Straßen ausbreitete. Irgendwann gab die Obrigkeit den Kampf auf und versuchte nur noch, die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten einzudämmen, indem man die Dirnen zu ärztlicher Überwachung zwang.

Berlin entwickelte sich zu einem Hort der Prostitution in Deutschland. Gab es 1871 in Berlin rund 15 000 Kokotten, waren es Anfang des 20. Jahrhunderts schon 50 000. Die wuchernde Kapitale zog das Laster an, wie das Licht die Motten. Frauen und Mädchen aus umliegenden Kleinstädten, wie Magdeburg, Frankfurt an der Oder, Stettin, Prenzlau oder Potsdam, suchten in Berlin ihr Glück – und landeten allzu oft auf der Straße. Andere kämpften verzweifelt darum, ihren kärglichen Lohn als Verkäuferin oder Putzfrau aufzubessern, indem sie ihre Körper feilboten. Und schließlich sorgten windige Mädchenhändler mit miesen Tricks für ständigen Nachschub an „frischen Halbweltlerinnen“ für die Animierlokale. Sie versprachen Verträge als Zugehfrauen in vornehmen Häusern oder Anstellungen in Theatern – und lockten doch nur neue Bordsteinschwalben in die Hauptstadt.

Berlin war um die Jahrhundertwende ein Moloch geworden, in dem sich alles vor allem um Geld und Ware drehte. Unter dem Glanz der kaiserlichen Weltstadt richteten sich die Gauner, Huren und Zuhälter ein. Da half aller Protest und alles Entsetzen der anständigen Leute nur wenig. Überall in Berlin konnte man die einschlägigen Damen finden, die etwas teureren Dirnen für 20 Reichsmark an der Friedrichstraße, Unter den Linden oder in den neuen westlichen Vororten. Kleinbürger, die nicht mehr als fünf Reichsmark für ihre schnelle Lust ausgeben wollten, suchten zum Beispiel an der Bülowstraße nach ihrem Glück. Und Arbeiter, die gerade mal eine oder zwei Mark erübrigen konnten, trieb es auf die Dirnenmärkte am Schlesischen Bahnhof und vor allem im Scheunenviertel (nicht zu verwechseln mit der Spandauer Vorstadt).

Die Friedrichstraße war zur Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert das Hauptgleis des Berliner Straßenlebens. Hier mischten sich die Dirnen mehr oder weniger auffällig unter die Passanten, auf der Suche nach Kundschaft. Die Straße war dicht mit Gasthäusern und Hotels bebaut. Um sie herum Opern, Varietés, Tanzlokale und ein Panoptikum. Hierher kamen die Fremden, die etwas erleben wollten, genauso wie die Theaterbesucher und Flaneure, die an den Bijouterie- und Luxusläden entlangschlenderten. Und zwischen ihnen Scharen von jungen Frauen, die einzeln oder zu zweit untergehakt zögernden Schrittes die Bürgersteige entlangschlichen und jedem Mann einen abschätzenden Blick zuwarfen. Dabei immer bemüht, den Schutzmännern aus dem Wege zu gehen. Denn die hatten das Recht, eine nächtliche Straßenpassantin, die ohne männliche Begleitung daherkam, mit aufs Revier zu schleppen.

Viele „öffentliche Mädchen“ nutzten die Haltestellen der neuartigen Straßenbahnen, um Kontakte anzubahnen. So zum Beispiel an der Friedrich- Ecke Leipziger Straße oder Bülow- Ecke Potsdamer Straße. „Sie sind wie Damen, die auf die Elektrische warten“, berichtet Dirnenchronist Ostwald. Das Ansprechen überließen sie den Männern, die die Gepflogenheiten kannten. Die Verkaufsgespräche begannen harmlos mit Sätzen wie „Fräulein, Sie warten gewiss schon lange?“ oder „Die richtige Elektrische kommt doch eigentlich zu selten.“ Und schon konnte man die leichteste Konversation üben, mit dem Wissen, dass noch viel mehr versprochen ist. Und das, ohne gleich über den Preis zu verhandeln. Denn Herren, die hier Damen ansprachen, mussten selten aufs Geld achten.

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