Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Am Rollberg wird gejodelt

Berlin wächst zur Weltstadt heran - und seine Bewohner sehnen sich nach dörflicher Idylle. Die finden sie an der Hasenheide beim Bockbierfest nach bayerischer Art.

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Oans, zwoa, g'suffa. Beim Bockbierfest in der Unions-Brauerei an der Hasenheide feiern die Berliner auf bayerische Art: mit Blaskapelle, Dirndl und Lederhosen. Das Foto erschien im März 1904 in der Zeitschrift "Berliner Leben".
Oans, zwoa, g'suffa. Beim Bockbierfest in der Unions-Brauerei an der Hasenheide feiern die Berliner auf bayerische Art: mit...Foto: Berliner Leben

Die Berliner Alpenwelt beginnt direkt vor den Toren der Stadt, ihre Gipfel sind der Kreuzberg und die Rollberge. An deren Almhängen erstreckt sich die grüne Hasenheide. Wo einst der Große Kurfürst auf die Jagd ging und Turnvater Jahn 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz zur körperlichen wie nationalen Ertüchtigung errichtete, sind Anfang des 20. Jahrhunderts die Massen auf der Pirsch nach Vergnügung. Trink dich fit statt Trimm dich fit! Beim traditionellen Bockbierfest in der Unions-Brauerei fließt das Bier in Strömen, eine fröhliche Gesellschaft ist auf dem Bild aus der Zeitschrift „Berliner Leben“ vom März 1904 versammelt. Fesche Madln im Dirndl servieren die Maßkrüge, eine bayerische Blaskapelle beschallt den Saal, die Musikanten auf der Bühne tragen Lederhosen, Filzhüte und gestrickte Kniestrümpfe. Es wird geschunkelt und gejodelt, man singt und trinkt und sinkt dahin. Holladrio!
Hier ist Berlin ein Dorf, aber mit einem Rummel, der jede Provinz übertrumpft. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Chaussee ins grüne Umland, die bald den Namen Hasenheide trägt, zu einem beliebten Ausflugsziel für die Stadtbewohner. Die Sommerlokale und Brauereien mit Schankvorgärten, Musikhallen, Tanzsäle, Jahrmarktbuden und klingende Militärparaden ziehen bei schönem Wetter zigtausende Besucher an. 1879 findet das erste Pfingstkonzert statt, das zur Tradition wird, Eintritt 10 Pfennig. Im Jahr darauf eröffnet der Gastronom Rudolf Sternecker seinen Vergnügungsgarten „Neue Welt“ am östlichen Ende der Hasenheide. Die Schankwirtschaft wächst zu einem der größten Amüsierbetriebe Berlins heran: Ein „indischer Pavillon“ mit Teichanlage und Kaskaden-Springbrunnen, ein Hippodrom, eine Freiluftbühne und ein Fachwerksaal für den „Ball champetrie“ – den „ländlichen Ball“ – entstehen. Regelmäßig steigen Feuerwerke in den Abendhimmel. Auf dem Festgelände verkehrt die Elektrische Eisenbahn, die Werner von Siemens 1879 auf der Gewerbeausstellung in Moabit präsentiert hat.

Tanzsäle mit Alpenpanorama, Kraxlsteig und Rutschbahn

Der Andrang ist gewaltig, an den Wochenenden sind die Säle rammelvoll. 1902 werden Gartenhalle und Ballhaus ersetzt durch ein neues Festgebäude. In dessen größtem Saal mit 2000 Plätzen wird das Bockbierfest zum Publikumsrenner, die Tanzsäle im Alpenpanorama sind mit Gebirgsterrasse, Kraxlsteig und Rutschbahn ausgestattet.
Nicht nur die einfachen Leute hier draußen in Rixdorf, sondern auch das großbürgerliche Berlin träumt von den Bergen. In der aufstrebenden Weltstadt wird die Sehnsucht nach Alpenglühen, nach dörflicher Idylle und fröhlicher Gemeinschaft in Trachten zu einem Ventil für die Zumutungen des urbanen Lebens – die kleinen Fluchten aus dem steinernen Berlin in die vermeintlich heile Bergwelt, und sei sie nur Kulisse, werden zu einem Massenphänomen und einem einträglichen Geschäft.

So drängeln sich am 1. Februar 1902 fast 3400 Menschen beim Alpenfest in den Sälen des Kroll’schen Theaters im Tiergarten. Es ist die beste Berliner Gesellschaft, verkleidet als „Dearndln und Buabn“ in der aufwendigen Szenerie alpiner Dekorationen zu Schuhplattler und Bändertänzen dreht. 21 000 Mark hat der Veranstalter, der Berliner Sektion des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins, in die Ausstattung des alljährlichen Kostümfests investiert - und kann am Ende des Abends einen Überschuss von 2800 Mark in die Sektionskasse abführen.
Wozu also erst ins weite Zillertal reisen, wo die „Berliner Hütte“ des Alpenvereins steht? Berlin ist doch ein Bergdorf.


Alle Beiträge unserer Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit lesen Sie unter: www.tagesspiegel.de/fraktur

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