Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Auf den Weinpoeten!

Der Hotelier Carl Kohlis wirbt in der bierseligen Reichshauptstadt für den Wein als Nationalgetränk der Deutschen - mit Gedichten rund um die Rebe.

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Eine festlich gekleidete Gesellschaft, bis auf die Frau des Gastgebers allesamt Herren, hat sich 1907 beim Hotelier Carl Kohlis versammelt.
Ein Weib, Wein und Gesang. Der Hotelier und "Weinpoet" Carl Kohlis (rechts hinter seiner Frau) lädt 1907 seine Künstlerfreunde...Foto: Berliner Leben

Beginnen wir mit einer Strophe aus des "Winzers Neujahrsgruß". "Du neues Jahr, sei feucht und klar,/ Um Wachstum hold zu geben,/Gib’ Sonnenschein für uns’ren Wein,/Beschirme uns’re Reben." Man muss vermutlich einige Schlückchen intus haben, um solche Verse zu dichten, ganz sicher aber ist etwas Weinseligkeit hilfreich, um einen ganzen Band mit Gedichten dieser Art vertragen zu können. Sei’s drum. Der "Weinpoet" Carl Kohlis, von dem diese Zeilen stammen, verbindet seine Leidenschaft für die Dichtkunst praktischerweise mit dem gewerblichen Ausschank edler Gewächse. Im Herzen der Reichshauptstadt, in der Charlottenstraße 35a, zwischen Gendarmenmarkt und Unter den Linden, betreibt Kohlis das Hotel und Restaurant "Phönix".

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Die Aufnahme zeigt ihn hinter seiner Frau stehend im Kreise einer illustren Gesellschaft, die sich im Dezember 1907 anlässlich des Erscheinens seines Buches "Das Wein-Turnier" zum Souper versammelt hat. Das Essen ist schon abgedeckt, die Runde erhebt die Gläser auf vierhundert Seiten Reime, die sich um die Rebe ranken. "In seinem elegant und geschmackvoll ausgestalteten Werke (…) besingt er in stimmungsvollen und formvollendeten Versen sämtliche edlen Weinsorten", schreibt die Zeitschrift "Berliner Leben". Unter den Anwesenden: rechts neben Frau Kohlis sitzend der Druckereibesitzer Oswald Dietze, links neben ihrem Ehemann der Kunstmaler Karl Zander, der das Buch illustriert hat. Vor diesem am Tisch steht der weißbärtige Schriftsteller Julius Stetterheim, Mitbegründer der "Freien Bühne" und Autor des Buches "Der moderne Knigge". Ganz rechts im Bild sehen wir den jungen Komponisten Clemens Schmalstich, er wird später die Musik zu "Peterchens Mondfahrt" schreiben und noch später unter dem Nazi-Chefideologen Alfred Rosenberg die Unterhaltungsmusik auf Gleichklang stimmen.

Für "öde Wasser-Demokraten" hat der Weinmonarch nur Verachtung übrig

Carl Kohlis, der dichtende Hoteldirektor, geboren 1857 am Fuße des sagenumwobenen Kyffhäuserbergs, in dessen Tiefen nach altem Volksglauben wahlweise Karl der Große, der Stauferfürst Friedrich II. oder Kaiser Friedrich I. "Barbarossa" ihrer Auferstehung entgegendämmern, schreibt unter dem Künstlernamen C. Kohlis-Kyffhausen. Mit seiner Weinpoesie beschwört er gewissermaßen den Flaschengeist des heilig beschwipsten Deutschtums.

Für den Weinmonarchen, der für "öde Wasser-Demokraten" nur Verachtung übrig hat, ist das lyrische Prosit auf die Einheit von Kaiser und Vaterland köstliche Pflicht: Auch "im Staate Bacchi blühen Fürsten-Dynastie’n", lautet sein "Wein-dynastisches" Credo.

Carl Kohlis ist ein umtriebiger Geschäftsmann und Bürger. 1898 wird er Vorsitzender des Grundbesitzervereins Berlin-Mahlsdorf-Süd, engagiert sich im Deutschen Kellnerbund. Auch als Botschafter des Weines nimmt er seine Sache ernst. Die vergnüglich torkelnden Verse sind vom volksbildenden Anspruch des Vinologen getragen. Neben Hymnen auf den Wein als Lebenselixier und Kulturgut werden dutzende Gewächse, vom Piesporter Goldtröpfchen bis zum Reutlinger Heckendreher, strophenweise entkorkt und verkostet. Kohlis weiß um den Bildungsnotstand im bierseligen Preußen. "Berlin als Weinstadt? Jemine!/Vergebens suchst Du Reben/Im deutschen Babel an der Spree,/Die Traube hat die Sonnenfee/Der Weltstadt nicht gegeben." Sein Lebensziel: "Das Nationalgetränk soll sein/Der Rebe Blut, der edle Wein,/Dem durstigen Germanen!" Der Weinpoet, der nur bis 1910 lebt, wäre glücklich, sehen zu können, dass heute in Berlin eine Weinbar nach der anderen eröffnet.

Alle Beiträge unserer Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit unter www.tagesspiegel.de/fraktur

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