Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Das Fräulein and the City

Die Autorin Maria Holma beschreibt 1905 ein Gespräch von Frau zu Frau im Privatsalon. Die eine ist glücklich verheiratet, aber nicht ohne Geheimnisse. Die andere, emanzipiert, gebildet und frei. Sie hätte auch gerne Geheimnisse. Ein Text von bestechender Aktualität.

Maria Holma
Eine Dame bei der Anprobe eines Kleides in einem Modegeschäft.
Shopping macht schön. Eine Anprobe im Modesalon A. Jung in der Charlottenstraße 48. Das Foto erschien in der Januar-Ausgabe 1905...Foto: Berliner Leben

Es war wunderhübsch behaglich in dem kleinen Frauensalon; eine wohltuende Stimmung: Berlin W. 5–7 Uhr. – Es standen allerhand feine kleine Lackmöbel da, ein großer Divan, der mit gelblich weißen Fellen bedeckt war. An den Wänden hingen ein paar Jugendstilbilder gemäßigter Richtung.

Im Kamin brannte ein lustiges Feuer, und auf den Etageren standen allerhand grün und lila gebundene Literaturen, Marie Madelaine etc. Auf dem niedrigen Tischchen dampfte der Samowar und in einem Lackkörbchen schlummerten gute wohlhabende Berlin W.-Cakes.

Überhaupt, man empfand: Hochherrschaftliche Wohnung, 2 Dienstmädchen, 2-3 reingewaschene Babys mit nursery jovernen, einen wohlhabenden Hausherrn, der früh morgens das Berliner Tageblatt liest und gern gut isst. Das lag so in der Luft.

"Ich bin eine sehr glückliche Frau", sagte die junge Hausfrau. Sie trug ein Peignoir aus weißer Libertyseide und sah nach guter Erziehung und anständiger Familie aus. Und sie sagte es in jenem Brustton der Überzeugung, den man hat, wenn man lügt: "Eine Tasse Thee, Liebste?"

Emanzipiertes Fräulein mit Bubengesicht

Das schlanke emanzipierte Fräulein mit dem intelligenten hübschen Bubengesicht knabberte Cakes und sagte dann aus einer langen Gedankenreihe heraus: "Ist denn dein Leben nicht leer, Teuerste?", und innerlich dachte sie: "Ein Gäns'chen – wie stehen wir da, wir modernen Frauen, wir freien Frauen – wir – wir!"

Aber Anna sagte indigniert: "Ich finde mein Leben wunderhübsch, schon das Aufwachen. Emanuel ist schon fort, er lässt mich lange schlafen, der Gute." – Sie errötete leicht. "Und dann kommt die Köchin, so ein Menü ist doch keine Kleinigkeit. Ich studiere die Markthallenberichte sogar." Sie sagte es wie ein Gelehrter. "Ich lese Pali im Urtext". "Und dann die Toilette, die feine Spitzenwäsche von der Ausstattung mit rosa Spitzen und Maiglöckchenparfüm. Natürlich nur für Emanuel – aber immerhin das Bewusstsein – ein so stolzes Gefühl. Und dann frisiert man sich chic mit dem großen coquetten Bausch in die Stirn, den Chinchilahut, die Stola um und geht 'chopping'. Und ab und zu läuft einem irgendein frecher entzückender Mensch nach und sagt Dummheiten, z.B. 'Mein Fräulein, glauben Sie, es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei usw.' Und wenn er es zu toll treibt, dann sagt man 'Mein Herr, was erlauben Sie sich, ich bin eine anständige deutsche Frau!' und geht nach Hause und dann kommt Emanuel."

"Jawohl", sagte die Emanzipierte ironisch, "dann kommt Emanuel – was weiter?"

Trauernde Miene eines nicht gefallenen Engels

"Und nachmittags geht man mit Meyers aus der Kurfürstenstraße in den Zoologischen oder zu Keller & Reiner. Wir sind sehr für Kunst, und abends gehe ich mit Emanuel ins Theater, sogar in einem Cabaret war ich schon. Ja, das Leben einer anständigen Frau ist doch sehr reich."

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Das Fräulein Doktor wies mit der Hand auf die Photographie eines jungen Gardeoffiziers in silbernem Rahmen: "Und die große Leidenschaft", sagte sie und es zuckte und wetterleuchtete in ihren Worten. Die junge Frau sah zu dem Bild herüber, sie wurde rot, "so etwas tut man doch nicht", sagte sie indigniert mit dem Brustton der Überzeugung, den man hat, wenn man lügt.

"Nein", sagte die Emanzipierte mit der trauernden Miene eines nicht gefallenen Engels, "So was tut man nicht!" und sie nahm noch einen Cakes.

Dieser Text erschien im Januar 1905 unter dem Titel "Eine anständige Frau" in der Zeitschrift "Berliner Leben". Der Beitrag ist die vierte Folge in unserer neuen Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit, die auf der letzten Seite unserer gedruckten Sonnabend-Beilage MEHR BERLIN erscheint. Sie ist leicht zu erkennen: Achten Sie auf die Überschrift in Fraktur! In der kommenden Woche lesen Sie "Wolkenkratzer am Alexanderplatz".

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