Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Das Orchestrophon

Die Familie kommt auf den Trichter: Mit dem Grammophon zieht die Unterhaltungsmusik ins Wohnzimmer. Und der erste "Schallplattenkönig" kommt aus Berlin.

von
In einem gediegen eingerichteten Wohnzimmer der Jahrhundertwende hat sich eine wohlhabende Berliner Familie um ein Grammophon versammelt. Foto: Berliner Leben
Hört, hört! Angestrengte Unterhaltung war gestern. In diesem Berliner Wohnzimmer gibt 1905 ein neuer Apparat den Ton an: das...Foto: Berliner Leben

In diesem Berliner Wohnzimmer ertönt die Ouvertüre zu einem neuen Zeitalter. Es verspricht Kunstgenuss ohne jede Anstrengung in den eigenen vier Wänden. Vorbei die quälende Geduldsprobe, ein Instrument zu lernen, bevor die Hausmusik erklingt. Vorbei auch die endlosen Abende, die mit gelangweilter Konversation und Zerstreuungslektüre gefüllt wurden. Im Mittelpunkt der gediegenen Zimmereinrichtung steht nun ein neuartiger Apparat, der die Unterhaltung übernimmt. Die Familie kommt auf den Trichter – und verstummt vor dem tönenden Wunderwerk, das die Musik aus Konzertsälen und Opernhäusern in die eigene gute Stube trägt.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/fraktur Foto: Berliner LebenWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Das Foto in der Zeitschrift "Berliner Leben" vom Januar 1905 trägt den Untertitel "Das Orchestrophon in der Familie", ergänzt durch einen Hinweis auf die "Orchestrophon Sprech- und Musikwerke" des Musikalienhändlers Max Gottfurcht, Hauptgeschäft Alexandrinenstraße 93 in Kreuzberg, Niederlassung Hackescher Markt 4. Die Firma Gottfurcht offeriert auch eine große Auswahl von Grammophon-Platten: "immer die neuesten Schlager zuerst am Lager". Anfangs können sich nur wohlhabende Musikliebhaber einen solchen Apparat leisten: Die Anschaffung eines Grammophons kostet mit etwa 120 Mark das Doppelte des durchschnittlichen Monatslohns eines Arbeiters.

Die Werbung appelliert an den höheren Kultur- und Bildungsanspruch der bürgerlichen Käuferschaft: Das Grammophon biete „nicht nur abwechslungsreiche Unterhaltung, sondern fördert den musikalischen Geschmack und weckt bei Kindern nachweislich Verständnis und Liebe zur Musik“, annonciert die Deutsche Grammophon-Aktiengesellschaft.

Der Tenor Enrico Caruso wird zum ersten Superstar des Schallplatten-Ära

Der erste musikalische Superstar der wohlsituierten Grammophon-Hörer kommt aus dem klassischen Fach: Enrico Caruso. 1902 erscheinen die ersten Aufnahmen mit ihm auf Schallplatte, insgesamt 498 Titel wird er bis zu seinem Tod im Jahr 1921 einsingen. Das neue Massenmedium macht den Tenor weltbekannt. Als Caruso im Oktober 1906 erstmals nach Berlin kommt, empfangen ihn vor der Königlichen Hofoper Unter den Linden 30 000 begeisterte Menschen. In den Folgetagen steht er in drei Opernaufführungen, im "Rigoletto", in "Carmen" und "Aida", auf der Bühne.

Der Siegeszug der Musikindustrie ist nicht mehr aufzuhalten. 20 Jahre nach Edisons Erfindung des Phonographen beginnen um die Jahrhundertwende, mit der einsetzenden Massenproduktion von Grammophonen in den USA, auch deutsche Werkstätten und Fabriken mit der Herstellung von "Platten-Sprechmaschinen". Zu den Pionieren gehört der aus Schweden stammende Mechaniker Carl Lindström, der zusammen mit dem Schlosser Paul Pfeiffer 1897 in einer Werkstatt in der Kreuzberger Grimmstraße mit der Entwicklung eines einfachen und erschwinglichen Apparats beginnt. Nach Anmeldung zahlreicher Patente gründet Lindström im Jahr 1900 eine eigene "Phonographenfabrik und mechanische Werkstatt" in der Brückenstraße 13a in Mitte. Bereits 1906 produziert die Fabrik jährlich 150 000 Grammophone. Der Unternehmer gibt sich nicht mit der Entwicklung der Apparatur zufrieden. Seine Firma richtet Aufnahmestudios ein und setzt Maßstäbe in der industriellen Musikproduktion. 1913 ist die Carl Lindström AG zum größten europäischen Schallplattenproduzenten aufgestiegen, der „Schallplattenkönig“ führt den tonangebenden Musikkonzern des Kontinents.

Alle Beiträge unserer Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit lesen Sie unter www.tagesspiegel.de/fraktur

Folgen Sie dem Autor auf Twitter:

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben