Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Die automobile Dame

Eine Frau unterwegs im eigenen Cadillac. Im Februar 1907 ist das eine Bildnachricht wert. Auf Berlins Straßen dominiert noch die natürliche vor der motorisierten Pferdekraft. Aber nicht nur die Automobilisierung, auch die Frauenbewegung kommt voran. Eine Zeitreise in die Reichshauptstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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Die Opernsängerin Johanna Gadski mit ihrem Automobil im verschneiten Berlin, aufgenommen zu Beginn des Jahres 1907.
Die Opernsängerin Johanna Gadski mit ihrem Automobil im verschneiten Berlin, aufgenommen zu Beginn des Jahres 1907.Foto: Berliner Leben

Ein Januartag in Berlin, Schnee auf den Straßen. Tritt sich fest. Eine trotzt den Verhältnissen. Johanna Gadski, Gemahlin des Waffenhändlers Hans Tauscher, entsteigt ihrem Automobil.
Eine Frau am Steuer, das ist auch 20 Jahre nach der ersten Langstreckenfahrt von Bertha Benz im "Patent-Motorwagen Nummer 3" eine Bildnachricht wert. "Frau Johanna Tauscher-Gadsky, die bekannte Sängerin, in ihrem Automobil. (Die einzige Dame in Berlin, die ihr Automobil selber lenkt)", ist im Februar 1907 im Magazin „Berliner Leben“ zu lesen. Die 34-Jährige, geboren im vorpommerschen Anklam, ist Erste Sopranistin an der Metropolitan Opera in New York. Viel Wagner. Zwischendurch Gastspiele in Berlin, München, Salzburg. Und sie liebt das Autofahren. Eine verhängnisvolle Affäre.
Ein Diener in der Uniform eines Hotel-Portiers hält ihr die Wagentür auf; Afrikaner, vermutlich vom kolonialen "Platz an der Sonne" in den Berliner Winter verschlagen. Die Operndiva und der schwarze Untertan – Ungleiche, die eins verbindet: An Reichstagswahlen wie der vom 25. Januar 1907 dürfen beide nicht teilnehmen. Im Parteienstreit um einen Nachtragshaushalt von 20 Millionen Reichsmark für den Vernichtungsfeldzug gegen die rebellierenden Stämme der Nama und Herero in Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, hat Reichskanzler von Bülow beim Kaiser die Auflösung des Reichstages erwirkt: Man spricht von der "Hottentottenwahl".
Die Verhältnisse wanken. Nicht nur die Stammesfürsten in Afrika, auch die Frauen begehren auf. Die sozialistische Politikerin Clara Zetkin kämpft als Herausgeberin der Zeitschrift "Die Gleichheit" für die Gleichberechtigung. 1907 übernimmt sie die Leitung des neu gegründeten Frauensekretariats der SPD. Im selben Jahr kommt die junge Physikerin Lise Meitner nach Berlin, um Vorlesungen bei Max Planck zu hören. In die Universität muss die spätere Pionierin der Kernforschung durch den Hintereingang, erst ab 1909 dürfen Frauen in Preußen offiziell studieren. In London gehen die Suffragetten für die Einführung des Frauenwahlrechts auf die Straße. Das Herrenregime ignoriert das Gedöns.

Der 1900 gegründete Berliner Automobil-Club ist ein Verein für die gehobene Gesellschaft

Gemächlicher geht es auf den Straßen der Reichshauptstadt zu. Noch dominiert die natürliche über die motorisierte Pferdekraft – erst seit Herbst 1905 verkehren die ersten Autobusse. Der 1900 begründete Berliner Automobil-Club ist ein elitärer Verein. Zu den ersten Mitgliedern zählen das Kaiserhaus, die Hotelier-Familie Adlon und der Zeitungsverleger Rudolf Ullstein. Auf der Berliner Automobil-Ausstellung, die seit 1906 in den neuen Messehallen am Zoologischen Garten stattfindet, kann sich die Masse die neuesten Modelle anschauen - mehr nicht.
Johanna Gadski hat sich ihr Auto vermutlich aus den USA nach Europa verschiffen lassen. Auf dem Foto ist sie mit einem Cadillac Coupé Baujahr 1905/06 zu sehen. Der legendäre Ford T, der als "Tin Lizzie" die Automobilisierung vorantreibt, wird erst ab 1908 produziert.

Das bewegte transatlantische Leben der Eheleute Tauscher-Gadski läuft wie ein Vierzylinder. Bis die Dinge mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kompliziert werden. Hans Tauscher, Nordamerika-Repräsentant des Waffen-Fabrikanten Krupp, wird 1916 in Kanada wegen Hochverrats angeklagt, schließlich aber freigesprochen. Er kehrt nach Europa zurück. 1917 verlässt auch Johanna Gadski Amerika - von ihrem New Yorker Publikum verabschiedet sie sich mit einer eigens für sie arrangierten Vorstellung von Tristan und Isolde.
Für den Herbst 1932 plant sie wieder eine Amerika-Tournee. Es kommt nicht dazu. Am 21. Februar 1932 sitzt Johanna Gadski in Berlin in einem Auto, das mit einer Straßenbahn kollidiert. Als Beifahrerin. Einen Tag später erliegt sie ihren schweren Verletzungen.

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Der Beitrag ist die zweite Folge in unserer neuen Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit, die auf der letzten Seite unserer gedruckten Sonnabend-Beilage MEHR BERLIN erscheint. Sie ist leicht zu erkennen: Achten Sie auf die Überschrift in Fraktur! In der kommenden Woche lesen Sie: "Hosen runter!".

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