Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Die kurze Südsee-Herrlichkeit

Mit der Einverleibung der westlichen Samoa-Inseln erweitert das kaiserliche Imperium seinen Kolonialbesitz - und zwar so fern wie nie zuvor. Doch zu näheren Berührungen mit den neuen Landsleuten kommt es kaum. Im Gegenteil: Ihr Leben wird in der Völkerschau am Zoo präsentiert.

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Willkommenskultur im Zoo. Eine Völkerschau stellt den Berlinern im Juni 1900 die „neuen Landsleute aus Samoa“ vor. Das Pazifikatoll ist erst seit wenigen Monaten deutsches Kolonialgebiet.
Willkommenskultur im Zoo. Eine Völkerschau stellt den Berlinern im Juni 1900 die „neuen Landsleute aus Samoa“ vor. Das...Foto: Berliner Leben

Im Februar 1900 dehnt sich das Deutsche Reich in die Zukunft aus. Mit Einverleibung der westlichen Samoa-Inseln in den Kolonialbesitz überschreitet das kaiserliche Imperium die Datumsgrenze. Nie zuvor reichte das deutsche Hoheitsgebiet weiter in die Ferne – aber 1914 ist schon wieder Schluss mit der Südsee-Herrlichkeit. Wenige Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs besetzen neuseeländische Truppen die Pazifikinseln.

Aber zurück ins deutsche Südseeparadies: Gouverneur Wilhelm Solf, gebürtiger Berliner, zuvor Diplomat in Kalkutta und Bezirksrichter in Deutsch-Ostafrika, bemüht sich als Vertreter eines „humanen Kolonialismus“, einen freundlichen Eindruck bei den Eingeborenen zu hinterlassen. Die lernen Blasmusik, nennen ihre Kinder untertänigst Otto, Karl oder Fritz – und einige Auserwählte dürfen sogar auf Weltreise gehen.

Völkerschau im Zoologischen Garten

Berliner Willkommenskultur wird im Zoo zelebriert. Zwischen falschen Palmen, nachgebauten Hütten und vor Panoramabildern mit Südseelandschaft präsentieren die Gastarbeiter heimatliche Tänze und Gesänge, führen Waffenspiele und Boxkämpfe auf und zeigen traditionelle religiöse Rituale. „Unsere neuen Landsleute aus Deutsch-Samoa“, betitelt die Zeitschrift „Berliner Leben“ ihre Fotos von der Völkerschau im Juni 1900 im Zoologischen Garten. Landsleute, immerhin, das klingt fast schon nach vollendeter Integration.

Die Welt zu Gast bei Herrenmenschen. Das kommt an im Kaiserreich, das verspätet zu den Großmächten aufrückt und deshalb an der Selbstbedienungstheke des globalen Kolonialladens fast leer ausgeht. Umso größer ist die Sehnsucht, endlich auch ein paar eigene Wilde zu zähmen. 1875 begründet der Tierhändler Carl Hagenbeck mit seiner „Lappländerschau“ eine Erfolgsserie von Ethno-Shows. Es folgen Nubier, Inuit, Kalmücken und Singhalesen. Bei der Großen Kolonialausstellung 1896 im Treptower Park ist der Höhepunkt ein „Negerdorf“ mit mehr als 100 afrikanischen Statisten.

Die Samoaner im Zoo präsentieren 1900 die Brüder Carl und Fritz Marquardt, die mit verschiedenen Völkerschauen durch Deutschland tingeln. Das Publikum ist begeistert – auffällig viele Männer zieht es zu den Darbietungen mit auffällig vielen leicht bekleideten Mädchen. Von „Marzipanpüppchen mit Chocoladenüberzug“, schwärmt ein Reporter.

Nur wenige Kontakte mit den neuen Landsleuten

Zu näheren Berührungen mit den neuen Landsleuten kommt es aber kaum. Abgesehen von einigen wenigen Kolonialbeamten, die sich Ehefrauen aus den Schutzgebieten mit nach Hause bringen, soll es bis 1945 nur etwa 500 Bewohner aus den ehemaligen deutschen Kolonialgebieten nach Berlin verschlagen haben. Einige davon blieben länger, wie der Kameruner Quane „Martin“ Dibobe, der nach seiner Teilnahme an der Kolonialausstellung im Treptower Park eine Schlosserlehre macht und schließlich als S-Bahn-Zugführer zu einer Sehenswürdigkeit in Berlin avanciert.

Die öffentliche Zurschaustellung von Menschen in Zoos, Varietés und auf Jahrmärkten geht bald auch der Reichsregierung zu weit. 1901 verhängt sie ein „Ausfuhrverbot von Eingeborenen aus den deutschen Kolonien zum Zweck der Schaustellung im Reich“. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie 1910 eine Samoaner-Schau beim Münchner Oktoberfest. Pläne für einen Ethnologischen Garten am Berliner Stötzensee, die der Gouverneur von Togo, Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, 1912 gemeinsam mit Direktoren von Völkerkundemuseen entwickelt, bleiben bizarre Fantasie.

Alle Beiträge unserer Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit lesen Sie unter: www.tagesspiegel.de/fraktur

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