Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Herrin und Herrchen

Der Dramatiker Frank Wedekind und seine junge Frau Tilly gehorchen den Gesetzen des Skandals. So erwartet es das Publikum. Und sie wissen ihr Liebesleid effektvoll zu inszenieren.

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Die Schauspielerin Tilly Wedekind sitzt auf dem Schoß ihres Mannes Frank Wedekind.
Tu mir nicht so lieb. Die Schauspielerin Tilly Wedekind und ihr Mann, der Dramatiker Frank Wedekind, posieren im Oktober 1910 für...Foto: Berliner Leben

Ein skandalöses Paar zu Besuch: Der Dramatiker Frank Wedekind und seine junge Frau, die Schauspielerin Tilly Wedekind, sind zu einem Gastspiel aus München angereist. Der Einakter „Die Zensur“ steht auf dem Programm des „Kleinen Theaters“ Unter den Linden. Die Hauptrollen spielen die beiden selbst, der berühmte Autor von „Frühlings Erwachen“ gibt den Schriftsteller Buridan, Tilly steht als seine Frau Kadidja auf der Bühne. Zwischen den beiden steht der Zensor – und droht das Band zwischen ihnen zu zerreißen: Treue zum Werk oder zur Liebe? Für den Autor ein Kampf auf Leben und Tod. Aber wo endet das Theater, und wo beginnt die Wirklichkeit? Was für ein Bild geben die beiden im Oktober 1910 für die Zeitschrift „Berliner Leben“ ab: Tilly im weißen Tutu thront erhaben auf seinem Schoß, ihr Tüllrock bedeckt seinen Oberkörper. Frank, zurückgelehnt in die Chaiselongue, streckt seinen Kopf unter ihrem Saum hervor und blickt zu ihr auf. Die Herrin und ihr Herrchen.

Hier haben sich zwei gefunden, die ihre Liebe zu sezieren wissen

Die Inszenierung einer verhängnisvollen Affäre. Hier haben sich zwei gefunden, die ihre Liebe zu sezieren wissen. Oder eher das Leid daran? 1906 lernt die 19-jährige Schauspielerin den 22 Jahre älteren Dramatiker kennen, im selben Jahr inszeniert Max Reinhardt an den Berliner Kammerspielen Wedekinds „Frühlings Erwachen“ – 15 Jahre nach der Premiere in Zürich darf das Skandalstück, nach erheblichen Eingriffen durch die Zensur, erstmals auch in Deutschland aufgeführt werden. Das Vexierspiel um den Selbstmord eines Schülers und die repressive Sexualmoral der Zeit schockiert und bannt das Publikum gleichermaßen. Es reicht für mehr als 200 Vorstellungen.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Eros, Macht und Tod – sie nehmen Frank Wedekind gefangen, zeitlebens bleibt er eine Geisel der Zensur. In Tilly hat er seine Lulu gefunden, die männerverzehrende Hure, die Hauptfigur seiner Stücke „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“, letzteres bleibt bis zu seinem Tode mit Aufführungsverboten belegt.

Wedekind zeichnet die Frau als das starke und sexuell dominante Geschlecht. Doch im wahren Leben ist nicht Tilly das dunkle Triebwesen, es ist Frank, der konstatiert: „Der Schwanz ist der Lebenszweck. Der Kopf ist der Tröster des Schwanzes. Die geschlechtlichen Fähigkeiten bestimmen den Werth des Menschen. Die geistigen Fähigkeiten sind der Trost über schlechte Pflege und Behandlung. Die Geschlechtlichkeit ist absolute Herrin. Imponieren durch geistige Fähigkeiten gilt nicht.“ Die Obsessionen dieses Mannes lassen sich mit einem Tutu nicht zudecken. Er hat zahllose Affären, ist Stammgast in Bordellen. Mit Frida Strindberg, der Frau des Dramatikers August Strindberg, hat er ein uneheliches Kind. Und doch fühlt Frank Wedekind: Er kommt den Frauen nicht nahe, ein „unüberbrückbarer Abgrund“, so empfindet er es, klaffe zwischen den Geschlechtern, vergleichbar dem zwischen „Erde und Mond. Nie wird es einem Mann gelingen, das Gefühlsleben der Frau empfinden zu können, so wenig wie umgekehrt.“ Zugleich plagt ihn rasende Eifersucht, er leidet unter der Vorstellung, den sexuellen Ansprüchen seiner jungen Frau irgendwann nicht mehr genügen zu können. Eine „Männertragödie“ wird Anatol Regnier das Lebensschicksal seines Großvaters später nennen.

Die Sorge um die nachlassende sexuelle Potenz nimmt Frank Wedekind am 9. März 1918 der Tod. Seiner Beisetzung auf dem Münchner Waldfriedhof wohnen auffällig viele Prostituierte bei. Tilly teilt ihr Leben bald danach mit einem anderen komplexen Mann. Sie liebt den Dichter Gottfried Benn.

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