Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Kavalier und Goldfisch

Die Ballsaion ist der Höhepunkt des Festjahres im kaiserlichen Berlin - immer mit von der Partie: Die Berichterstatter von der Presse und jede Menge Uniformträger.

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Eine festlich gekleidete und verkleidete Gesellschaft beim Ball des Satireblattes "Lustig Blätter" 1903 in Kreuzberg.
Sehr witzig. Auf dem Ball des Satireblattes "Lustige Blätter" am 28. Februar 1903 vergnügen sich Autoren, Karikaturisten und Leser...Foto: Berliner Leben

Kreuzberger Nächte sind lang – und das schon ewig. Hier feiern Autoren, Karikaturisten und Zeichner der Satirezeitschrift "Lustige Blätter" gemeinsam mit ihren Lesern, das Bild entstand am 28. Februar 1903 am Enckeplatz in Kreuzberg (zwischen Friedrich- und Lindenstraße) in den Räumen der "Schlaraffia", einer Vereinigung von Genießern des gepflegten Humors. "Dass die festlustigen, leichtherzigen Kreise der Berliner Gesellschaft, besonders der literarischen und künstlerischen, trotz der Überfülle solcher Freuden, die ihnen in diesem Winter geboten wurde, noch nicht festmüde geworden sind, bewies die starke, lebhafte Beteiligung", meldet die "Vossische Zeitung" in ihrer Abendausgabe vom 2. März 1903 von diesem Fest.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
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31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Die Ballsaison hält die kaiserliche Party-Metropole wach, von November bis März wird bei unzähligen Anlässen getanzt, vom mondänen "Kavaliersball" in der Philharmonie bis zum "Eliteball der Lebewelt Berlins". Immer mit von der Partie: die Presse. Das Festleben der Reichshauptstadt genießt höchstes öffentliches Interesse, die Zeitungen berichten ausführlich über Gäste, Garderoben, Galanterien und Entgleisungen.

Schmucke Offiziere sind begehrte Gäste in den Festsälen der Stadt

Zu den wichtigsten Beobachtern des Ballgeschehens gehört der Mann mit dem grauen Vollbart, auf dem Foto die fünfte Person von rechts: der Maler und Feuilletonist Ludwig Pietsch, der sich hier gerade einer Dame zuwendet, berichtet jedes Jahr ausführlich vom "Subskriptionsball" in der Königlichen Oper, dem Höhepunkt der Festsaison. In seinen Beiträgen in der "Vossischen", die über mehrere Tage in Fortsetzungen erscheinen, beschreibt er detailliert die Balltoiletten der Damen. Beim Opernball, eröffnet vom Kaiserpaar "durch eine Polonaise unter Vorantritt des Intendanten", drängen sich die oberen Zehntausend durch die Festsäle Unter den Linden. Adel und Diplomatie, die Crème der Berliner Gesellschaft und der Kultur drehen sich auf dem Parkett. Neben festlichen Garderoben bilden hochdekorierte Uniformen einen Blickfang.

Schmucke Offiziere sind begehrte Gäste in den Festsälen der Stadt. Der Geldadel aus Industrie und Wirtschaft rekrutiert für seine zahlreichen Ballvergnügen gleich en gros, wie der Journalist Paul Lindenberg schildert. "Wir werden bald tanzen lassen, Herr Lieutenant." "Ah, vortrefflich, Herr Kommerzienrat, werde ich auch die Ehre haben?" "Selbstverständlich – und, hm – wenn Sie einige Kameraden haben, es fehlen uns noch einige Tänzer und – es kommen sehr hübsche, auch sehr reiche Mädchen!" Die Aussicht, sich unter den Töchtern aus wohlhabendem Hause einen "Goldfisch" zu fangen, ist verlockend für ledige Jungoffiziere in den unteren, karg besoldeten Dienstgraden. Da lohnt es sich schon mal, "einen Abend zu opfern, selbst auf die Gefahr, sich zu langweilen".

Für die ungezügelte Triebabfuhr finden sich genügend andere Gelegenheiten für Männer in Uniformen, bei rauschenden Festen in den Ballsälen und Tanzsalons der Stadt, wo das "Tamtam der Weltstadt (…) tüchtig gerührt" wird. Oder sie folgen den hübschen jungen Berlinerinnen, die an den Wochenenden mit dem Ringbahnzug zum Tanzvergnügen in die Vororte fahren. In den "ländlichen" Ballsälen von Wilmersdorf oder Schöneberg, fernab der familiären Aufsicht, beginne so mancher "Herzensroman", und "vielen der Tänzerinnen" erscheine die "zwölfte Stunde gar zu früh" zur Heimkehr, schreibt Paul Lindenberg. Doch der letzte Ringbahnzug wartet nicht. Beim zärtlichen Adieu im Bahnhof verspricht man sich ein Wiedersehen: "Gewiss am nächsten Sonntag!" – "Aber auch ganz gewiss!"

Alle Beiträge unserer Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit unter www.tagesspiegel.de/fraktur

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