Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Kunst und Banausen

Mehr als 60 große und kleine Ausstellungen im Jahr muss der Berliner Kunstfreund um 1900 gesehen haben. In den Galerien und Salons der Stadt trifft er auf merkwürdige Typen.

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Blick in den Illustratorensaal der Großen Berliner Kunstausstellung von 1899
Bilder und Röhren. Szene aus der Großen Berliner Kunstausstellung im Moabiter Glaspalast am Lehrter Bahnhof von 1899. Kommentare...Foto: Berliner Leben

"Bei der Fülle der Kunstausstellungen, mit denen der Berliner seit einigen Jahren Winter und Sommer ununterbrochen so überreich gesegnet ist, hat der zünftige Besucher dieser Ausstellungen es oft sehr schwer", schreibt der Kunstkritiker J. Norden 1901 in der Zeitschrift "Berliner Leben". "Aber eines gibt's, was den Kritiker beim Durchstöbern der 60 und mehr großen und kleinen Ausstellungen, die ihm der Kreislauf des Jahres jetzt zu bescheren pflegt, bei guter Laune erhält: das liebe Publikum. Man braucht nicht außerordentlich boshaft zu sein, um ein gewisses Vergnügen daran zu finden, es zu beobachten, seine Urteile zu vernehmen, mit denen es nicht zurückhält … im Gegenteil."

Wir zitieren im Folgenden aus der kleinen Typologie des Kunstausstellungsbesuchers, die der Autor entwirft – passend zum Foto von der großen Berliner Kunstausstellung von 1899 im großen Ausstellungspalast am Bahnhof Lehrter Straße, dem heutigen Hauptbahnhof. Wir verkneifen uns jeden Kommentar zu der Skulptur des Hirschbullen in der Bildmitte, um nicht Gefahr zu laufen, der ersten Kategorie zugerechnet zu werden, der sich der Kunstkritiker widmet: den "Banausen".

Der ältere Herr mit Monocle sucht die Nähe chicvoller junger Damen

"Vor einem Damenporträt. 'Meine beste Frau Kommerzienrat, haben Sie je bemerkt, dass Frau v. K. grüne Flecken auf den Wangen hat? Grün! Es ist einfach empörend. Und für ein solches Bild soll man 2500 Mark zahlen!' – 'Übrigens, Frau Doktor, haben Sie die Aktstudie von Zorn gesehen – sie hängt im Nebensaal – da ist der Rücken voll brauner, grauer und violetter Kleckse. Wozu überhaupt nackte Modelle malen. Es ist degoutant. (…) Mir hat das Bild ganz den Appetit verdorben. Und ich freute mich so auf den Eistee.' Walzerklänge tönen aus dem Garten herüber. Die Damen haben genug von der Kunst und gehen. (...)

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Eine besondere Spezies: 'der ältere Herr'. Kennt alle Katalogverkäuferinnen der Großen Ausstellung beim Vornamen und begrüßt die Kassendamen in den Salons mit Handschlag, ist immer vor den Bildern zu finden, wo chicvolle junge Damen stehen, oder vor Nuditäten. (…) Hat die Saisonblume im Knopfloch und einen zusammengeklappten Katalog in der Hand. Trägt mitunter ein Monocle.

'Der Sachverständige': der Schrecken des Ateliers und des kunstsinnigen Publikums. Meist von unbestimmtem Alter. (…) Woran man ihn erkennt? Geht achselzuckend und verächtlich lächelnd an dem Haufen Publikum vorüber, das vor der großen Sensation der Ausstellung sich drängt, und bleibt gern vor dem Bildchen eines 'Unbekannten' stehen, gewöhnlich mit einem leisen 'Ah!'. Tritt dann drei, vier Schritt zurück, mustert das Bild mit rückwärts geneigtem Kopf durch die gekrümmte Hand, stellt sich dann dicht davor, beschnüffelt die Leinwand kreuz und quer." Wird er von niemandem bemerkt, "eilt er rasch weiter, drängt sich zwischen einen stillen Besucher und das Bild, in das dieser sich vertieft hat, murmelt recht deutlich: 'Verrückt', springt zurück und dabei dem Beschauer fast auf den Fuß: 'Oh, Pardon! Aber wie kann man vor diesem Bilde stehen bleiben'."

Zum Schluss: "Der Märtyrer seiner Lust", getrieben von einer Ausstellung zur nächsten, "mürrisch schlägt er den Katalog auf: 'Himmlische Mächte! Wieder 52 Nummern und eben habe ich beim Cassirer 63 erledigt. Das ist ja nicht zum Aushalten. Und dazu wieder so viele Impressionisten. Kann die Kerls ja überhaupt nicht leiden!' Eilig geht er von Bild zu Bild und hakt im Katalog die besichtigten Werke ab. "Und dieses Mal sollen beim Lehrterbahnhof über 3000 Nummern in Aussicht stehen. Und wer weiß: Im nächsten Jahr haben wir vielleicht noch mehr als zwölf Salons. Es ist furchtbar!"

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