Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Manneszucht und Sonnenschein

Er reitet für Deutschland: Kronprinz Wilhelm, der Sohn des letzten deutschen Kaisers, ist ein begeisterter Sportler und Soldat. Allzeit bereit für die Thronfolge. Doch es hat nicht sollen sein. Ein Auszug aus seinen Erinnerungen.

von
Schillernder Helm. Kronprinz Wilhelm, kerzengerade, hoch zu Ross. Ein Mann, wie gemacht für den Thron. Es hat nicht sollen sein.
Schillernder Helm. Kronprinz Wilhelm, kerzengerade, hoch zu Ross. Ein Mann, wie gemacht für den Thron. Es hat nicht sollen sein.Foto: Berliner Leben

Mit Kronprinz Wilhelm haben wir unseren Zyklus mit Bildern aus der Kaiserzeit begonnen, mit dem Sohn des letzten deutschen Kaisers endet unsere Serie. Mag die Geschichte dem Mann, der hier 26-jährig im Februar 1909 für Zeitschrift „Berliner Leben“ mit blitzendem Helm hoch zu Pferde Modell steht, die kaiserliche Nachfolge verwehrt haben. An dieser Stelle hat er das letzte Wort. Wir zitieren aus seinen Erinnerungen aus dem Jahre 1922:

"Als ältester Sohn stand ich unserer geliebten Mutter stets sehr nahe. Das Verhältnis von uns Kindern zum Vater war anders. Er war stets freundlich und in seiner Art liebevoll gegen uns, aber er hatte naturgemäß nicht allzu viel Zeit für uns übrig. Zu direkten Aussprachen zwischen Vater und Söhnen kam es kaum. Um Nichtigkeiten, deren Erledigung mit wenigen väterlichen Worten hätte erfolgen können, wurden Vermittler bemüht. In solchen Zeiten war es wie eine Befreiung, wenn ich gelegentlich, bei Manometer neunundneunzig, im Dienstanzuge zum Kaiser bestellt und von ihm unter vier Augen persönlich heruntergeputzt wurde. Dabei verstanden wir uns immer noch am besten. Und dabei konnte man bisweilen auch eine Lippe wagen.

Vom Vater, dem Kaiser, persönlich heruntergeputzt zu werden - herrlich!

Ein völlig harmloses Beispiel zieht mir gerade durch den Kopf. Ich war von jeher ein begeisterter Anhänger des Sports in jeglicher Form: Jagdreiten, Rennen, Polo usw. Aber auch da gab es Einschränkungen, Bedenken und Verbote. So sollte ich weder Rennen noch Schleppjagden reiten – wegen der Gefahr. Nun hatte ich mein erstes öffentliches Rennen im Berlin-Potsdamer Reiterverein hinter mir. Am nächsten Morgen bestellte mich der Kaiser im Dienstanzug ins Neue Palais.

Gewitterige Stimmung: 'Du hast Rennen geritten?'

'Zu Befehl.'

'Du weißt, dass es verboten ist.'

'Zu Befehl.'

'Warum hast du es nun trotzdem getan?'

'Weil es meine größte Passion ist und weil ich es für gut halte, wenn der Kronprinz seinen Kameraden zeigt, dass er die Gefahr nicht scheut und ein gutes Beispiel gibt.'

'Hast du wenigstens gewonnen?'

'Leider bin ich um einen Kopf durch Graf Königsmarck geschlagen.'

Da schlägt er ärgerlich auf seinen Tisch: 'Das ist aber dumm – und nun mach, dass du rauskommst!'

Diesmal hatte mein Vater den Sportsmann in mir verstanden.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Soweit ich konnte, habe ich meine freien Stunden dem Sport gewidmet. Nicht nur, weil ich die innere Neigung zu ihm in mir trage, sondern auch, weil ich seine Pflege für ein künftiges Staatsoberhaupt – und das war ich doch – für besonders bedeutungsvoll halte. Die sportliche Gemeinschaft ist wie kaum eine andere geeignet, die Schranken zwischen gleichstrebenden Menschen aufzuheben, denn gerade beim Sport entscheidet ja nicht nur die Höchstleistung. Wer sie vollbringt – ob Junker, Kaufmann oder Fabrikarbeiter, ob Christ, ob Jude oder Muselmann – das ist gleichgültig.

Aber in erster Linie bin ich doch mit Leib und Seele Soldat gewesen. Die Ausbildung und der Umgang mit den Mannschaften, der stramme altpreußische Zug, die gesunde körperliche Bewegung in Wind und Wetter, der Stolz auf die alte Regimentsuniform, das alles hat mir den Dienst lieb gemacht.

Wie alle Dinge im Leben, in denen man es zu etwas bringen will, muss auch das Soldatenhandwerk mit der ganzen Persönlichkeit, mit Liebe und Hingabe betrieben werden. Führer wie Truppe müssen von diesem Geist erfüllt sein. Kurzer energischer Dienst unter äußerster Anspannung aller Kräfte, Strammheit und Manneszucht, Sauberkeit und Pünktlichkeit, Bestrafung jeglicher Nachlässigkeit und passiven Widerstandes. Dazu aber ein warmes Herz auch für den geringsten und wenigbegabtesten Rekruten, Fröhlichkeit in der Kaserne, soviel Urlaub wie möglich, außerordentliche Auszeichnungen für außerordentliche Leistungen, mit einem Satz: den Leuten Sonnenschein in ihre militärische Dienstzeit bringen! Das sind die Grundsätze, die für mich leitend gewesen sind."


Das Buch "Erinnerungen des Kronprinzen Wilhelm" (herausgegeben von Karl Rosner, 1922) können Sie hier als pdf-Dokument oder in anderen E-Book-Versionen herunterladen. Alle Beiträge unserer Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit unter www.tagesspiegel.de/fraktur

Folgen Sie dem Autor auf Twitter:

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben