Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Schöner Wohnen in der Gartenstadt

Anfang des 20. Jahrhunderts wächst Berlin über seine Grenzen hinaus. Für wohlhabende Bürger entstehen neue Wohnquartiere in den benachbarten Städten. Die machen sich Konkurrenz im Werben um neue Bürger.

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Gartenstadt. An der Landauer Straße in Wilmersdorf entsteht 1911 das neue Rheingauviertel mit Häusern im Landhausstil und großzügigen Vorgärten.
Gartenstadt. An der Landauer Straße in Wilmersdorf entsteht 1911 das neue Rheingauviertel mit Häusern im Landhausstil und...Foto: Berliner Leben

Im stöhnenden Getriebe der Großstadt sehnt sich der Bürger nach dörflicher Beschaulichkeit, nach Häusern mit hellen Zimmern und Ausblick auf grüne Vorgärten. Berlin ballt und bläht sich unter dem Zustrom neuer Bewohner und wächst über seine Grenzen hinaus. Zwei Millionen Menschen leben Anfang des 20. Jahrhunderts hier, viele davon in bedrängender Enge. Die Stadt mit den meisten Mietskasernen der Welt zählt 1903 eine Million Wohnungen, 400 000 davon haben nur ein Zimmer, 300 000 weitere zwei Räume. In den Massenherbergen haust das Proletariat, über die Hinterhöfe ziehen die Rauchschwaden aus den Fabrikschloten von Borsig und Siemens. Wer es sich leisten kann, zieht gegen die vorherrschende Windrichtung in den Westen.

Bauherren planen Visionen für die Stadt von morgen

Die Nachbargemeinden Schöneberg, Charlottenburg und Wilmersdorf gedeihen auf dem Nährboden der expandierenden Reichshauptstadt und der Nachfrage nach gehobenem Wohnkomfort prächtig. Das Baugeschäft floriert. Immobilienkonsortien erwerben mit dem Geld von Banken und Aktionären großflächige Flurstücke von den Bauern, erschließen neue Straßen und entwickeln moderne Wohnquartiere, stetig begleitet von einer fachsinnigen Debatte über gelungene Baukunst und Visionen für die Stadt von morgen. Bauherren sind als Pioniere gefragt. Der Kaufmann Salomon Haberland, Gründer der Berliner Boden-Gesellschaft, und sein Sohn Ernst Haberland, fühlen sich diesem Anspruch verpflichtet. In den Jahren zuvor haben sie bereits in Schöneberg den Viktoria-Luise-Platz und das Bayerische Viertel als Quartiere für wohlhabende Bürger gestaltet. Die Zeitschrift „Berliner Leben“ stellt in der Oktober-Ausgabe 1911 das neueste Haberland-Projekt vor: die Gartenstadt Wilmersdorf-Süd. Die Aufnahme zeigt den soeben vollendeten ersten Bauabschnitt des Rheingauviertels: die neue Landauer Straße. Der Architekt Paul Jatzow plante die Bebauung im Stil englischer Gartenvorstädte. Die aufgelockerten Fassaden in braungelbem Mörtelputz mit Balkonen und Erkern, Giebeln und Fachwerkornament schaffen Landhaus-Ambiente. Die terrassenartig angelegten Vorgärten vergrößern den Abstand zwischen den Häuserfronten, das Straßenbild dehnt sich zu einem „licht- und luftdurchfluteten“ Boulevard. „Ein Kleinstadtidyll zaubert die Landauer Straße mitten in die Großstadt hinein, sie macht die Sehnsucht des Großstädters nach der Kleinstadt zu einer architektonisch gebundenen“, schreibt der Architekt Kurt Pallmann 1912.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Die ersten Neubürger promenieren noch mit Blick auf freies Land, doch in die Großstadt haben sie es nicht weit. Am benachbarten Rüdesheimer Platz entsteht eine Station der neuen U-Bahnlinie 3, mit der die Hochbahngesellschaft seit Sommer 1910 eine Anschlussverbindung nach Berlin schafft. Die Nachbargemeinde Charlottenburg begleitet die Planungen für die neue Linie, die über ihr Stadtgebiet führen soll, zunächst mit Argwohn. Man fürchtet, bei der Ansiedlung steuerkräftiger Bewohner ins Hintertreffen zu geraten. Beim Verhandlungspoker stimmt Charlottenburg schließlich erst zu, als der Stadt zum Ausgleich die Verlängerung der U-Bahnlinie vom Wittenbergplatz zur Uhlandstraße zugesichert wird.

Streitereien dieser Art sollen die Entwicklung des Metropolenraums nicht länger behindern. Der 1912 begründete Zweckverband Groß-Berlin, der Zusammenschluss Berlins mit den sechs umliegenden kreisfreien Städten und Landkreisen, soll die stadtplanerischen Kräfte und Kompetenzen bündeln. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.

Alle Beiträge unserer Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit lesen Sie unter www.tagesspiegel.de/fraktur

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