Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Zur letzten Molle

Nach 120 Jahren schließt im März 1903 die älteste Berliner Weißbierkneipe in der Berliner Charlottenstraße. Bei den Wirtsleuten Schoof wird die Weiße nach alter Manier aus großen Schalen getrunken.

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Altberliner Art. Berliner Weiße wird 1903 aus flachen Trinkgefäßen mit einem Umfang von Suppenschüsseln getrunken. Die Gäste der Weißbierstube haben mit dem Biergenuss alle Hände voll zu tun.
Altberliner Art. Berliner Weiße wird 1903 aus flachen Trinkgefäßen mit einem Umfang von Suppenschüsseln getrunken. Die Gäste der...Foto: Berliner Leben

Jedes Glas geht einmal zur Neige. Es wird eingeschenkt und ausgetrunken, gezecht und ausgenüchtert. Das „Berliner Leben“, die „Zeitschrift für Schönheit und Kunst“ besucht für die Märzausgabe 1903 die älteste Weißbierstube Berlins. Das Lokal in der Charlottenstraße 78 „hat das ehrwürdige Alter von 120 Jahren“, ist zu lesen, doch die Tage der Traditionsgaststätte sind gezählt. „Das Haus, in dem sie steht, wird am 1. April abgebrochen.“ So ist das eben seit jeher: Es wird aufgebaut und abgerissen, gebraut und verdaut, geboren und gestorben.

Alkohol ist der Schmierstoff der Industriemetropole, der halbe Liter Bier kostet zwölf Pfennig, die Straßenbahnfahrkarte zehn Pfennig. Mit einer Mark lassen sich eine Menge Sorgen ertränken, und mancher Arbeiter versäuft einen Gutteil seines Lohns – im Durchschnitt 70 Mark im Monat – in der Kneipe, lässt Frau und Kinder hungern und geht dann zu Fuß zur Arbeit. Um die Jahrhundertwende wird der Durst der Reichshauptstadt an 250 Brauerei-Standorten gestillt. Im Berliner Adressbuch des Jahres 1900 umfasst die Liste der Gastwirte zwölf eng bedruckte Seiten. Darunter findet sich auch der Eintrag F. Schoof, SW, Charlottenstraße 78.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Vermutlich ist es die Wirtsfrau selbst, die unter den Anwesenden im Schankraum der Weißbierstube sitzt. Die Gäste hier sind keine Proletarier, sondern stattliche Herren mit sauber frisierten Bärten. Sie tragen Anzüge und gestärkte Hemden mit Krawatten. Im Hintergrund stehen Männer an einem Billardtisch. Hier wird gehobene Bierkultur gepflegt. Ausgeschenkt wird das traditionelle Berliner Weizenbier, die Berliner Weiße, ein obergäriges Schankbier aus Gersten- und Weizenmalz. Der Alkoholgehalt ist mit 2,8 Prozent vergleichsweise niedrig. Seine charakteristische dunkelgelbe Farbe, die leichte Heftetrübung und den etwas säuerlichen Geschmack verdankt das Bier der zweifachen Gärung: der alkoholischen folgt eine weitere mit Milchsäurebakterien und Hefen.

In dem geschichtsträchtigen Haus wohnte auch der Erfinder der Telefonzelle

Beim Biergenuss haben die Herren in der Weißbierstube alle Hände voll zu tun. Die Trinkgefäße ähneln eher gläsernen Suppentöpfen als gewöhnlichen Bierkelchen. „Die Weißbiergläser sind nach Altberliner Muster etwas niedrig, haben dafür aber einen ganz bedeutenden Umfang, so dass sie immer mit zwei Händen zum Munde geführt werden müssen“, erklärt die Zeitschrift.

Wehmütig nimmt der Autor Abschied von dieser Institution, von dem „in der Hinterstube stehenden Stammtische, an dem mehrere Generationen der ,Kühlen Blonden‘ zugesprochen haben“, von der alten Standuhr auf dem Buffet, „die so alt ist wie das Lokal, und, obwohl sie niemals beim Uhrmacher war, noch heute auf den Punkt richtig geht“, sowie vom Bierkeller unter dem Lokal, in dessen Gewölbe „sich Schnecken angesetzt haben“.

Das zum Abriss bestimmte Haus, so erfahren wir schließlich, birgt noch mehr Geschichte. „In der auf dem Hofe gelegenen Werkstätte, die früher ein Stellmacher innehatte, ist der erste Eisenbahnwagen gebaut worden, der bei der Eröffnung der Potsdamer Bahn von hier in die Havel-Residenz fuhr. Und auch der Erfinder der Telephonzellen, der Ingenieur Vehlow, hat in dem Hause bis zu seinem Tode gewohnt“, schreibt das „Berliner Leben“.

In der Charlottenstraße 78 steht heute ein modernes Wohn- und Geschäftshaus. An die Pioniere des Eisenbahnbaus, den Erfinder des ersten öffentlichen „Fernsprechkiosks“, der 1881 auf dem Spittelmarkt eröffnet wurde, und an die einst älteste Weißbierstube Berlins erinnert an diesem Ort nichts mehr.

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