• Frank Emilio: Der Mann, der die Tasten hören kann, hat die kubanische Volksmusik für den Jazz entdeckt

Berlin : Frank Emilio: Der Mann, der die Tasten hören kann, hat die kubanische Volksmusik für den Jazz entdeckt

Roman Rhode

Frank Emilio Flynn gehört nicht zu den hochbetagten kubanischen Musikern, die erst Dank ausländischer Intervention ins Scheinwerferlicht geraten sind. Der nun fast 80-jährige Pianist und Komponist ist nie in Rente geschickt worden. Und seine Diskographie erstreckt sich über einen Zeitraum von über 40 Jahren. Trotzdem ist er in Europa nahezu unbekannt geblieben. In den USA und Kanada dagegen war Emilio bereits in der letzten Dekade auf bedeutenden Jazz-Festivals zu Gast. Und die kanadische Flötistin Jane Bunnett hatte ihn für ihr Album "Spirits of Havana" zu einem Zeitepunkt gewinnen können, als Ry Cooder noch auf den Straßen der kubanischen Hauptstadt herumirrte.

Schon in den fünfer Jahren suchte Emilio den Kontakt zu nordamerikanischen Musikern und jammte im Club Cubano de Jazz zusammen mit Roy Haynes, Sarah Vaughan oder Richard Davis. Kurz nach der Revolution setzte er dann mit seinem Quinteto Cubano de Música Moderna einen Meilenstein im kubanischen Jazz - mit von der Partie war übrigens der heute durch den Buena Vista Social Club zu neuerlicher Berühmtheit gelangte Bassist "Cachaito". Außerdem brachte Emilio die so genannte Bewegung des "Feeling" voran. Darin verschmolzen moderne Troubadoure die Poesie kubanischer Balladen mit dem Impressionismus Debussys und nahmen musikalische Einflüsse aus den USA auf.

Dennoch ist Emilios Klavier vor allem in den traditionellen Rhythmen seiner Heimat verwurzelt. In jungen Jahren spielte er mit den legendären Soneros des Septeto Nacional, von dem sich auch Gershwin bei seiner "Kubanischen Ouvertüre" inspirieren ließ. Dann saß er im Danzón-Orchester von Antonio María Romeu, der zum ersten Mal volkstümliche kubanische Musik fürs Klavier geschrieben hatte. Doch anders als die beiden Richtungen, die sich später im Latin Jazz und der Salsa etablieren sollten, hat sich Emilio nie auf eine ausschließlich perkussive oder lyrische Spielart seines Instruments festgelegt. Damit steht er in der Reihe von Chucho Valdés, dem Gründer von Irakere, Guillermo Rubalcaba und dessen Sohn Gonzalo, die mit ihrem Klavier allein ein ganzes Orchester hervorzaubern können. Sein Gehör und Tastsinn - Frank Emilio ist früh erblindet, er komponiert und arrangiert in Braille - verbindet aber nicht nur "Feeling" mit Danzón und Mambo. Wenn bei Emilio die Hämmer auf die Saiten treffen, dann kann das auch wie der Gesang oder der polyrhythmische Wirbel einer urtümlichen Rumba klingen, die sich in den Hinterhöfen von Havanna entlädt. Darüber schweben Jazz-Harmonien wie ein süßer Dunst von Rum, der jede dieser perkussiven Fiestas einhüllt. Im Grunde ist die Musik Emilios den ausgelassenen Zusammenkünften kubanischer Jazzer treu geblieben: energetische Entladungen aller beteiligten Instrumente.

Nicht umsonst widmet sich Emilio auf seinem letzten, bei Blue Note erschienenen Album "Ancestral Reflections" dem würzigen afrokubanischen Substrat, das von jeher unerschöpfliche Möglichkeiten zur Improvisation bietet. Im Tränenpalast tritt Emilio mit seinen "All Stars" auf, einem hochrangig besetzten Quintett. Tata Güines, ein Santería-Priester, ist zweifellos der beste Conga-Spieler Kubas. Am Bass steht William Rubalcaba, der Bruder des weltberühmten Jazz-Pianisten Gonzalo. Frank Emilio passiert nicht nur die großen kubanischen Musikgenres durch den Jazz, sondern verleiht ihnen, wie zuvor Arsenio Rodríguez, auch urbanen Speed. Rodríguez nannte man seinerzeit den "wunderbaren Blinden". Für Emilio ist dieses Attribut längst überfällig.

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