Franz-Bobzien-Preis : Oranienburg wirbt für Toleranz

Die Stadt Oranienburg und die Gedenkstätte Sachsenhausen schreiben den „Franz-Bobzien-Preis 2014“ aus.

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Zynische Inschrift am ehemaligen Lagertor des KZ Sachsenhausen, der heutigen Gedenkstätte.
Zynische Inschrift am ehemaligen Lagertor des KZ Sachsenhausen, der heutigen Gedenkstätte.Foto: ddp

Die Stadt Oranienburg sowie Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen werben seit Jahren in besonderer Weise für Demokratie und Toleranz. Dazu gehört, dass nunmehr zum dritten Mal ein Preis für Projekte ausgelobt wird, die zur historisch-politischen Bildung und zur Stärkung der Demokratie beitragen. Dabei finden Initiativen besondere Beachtung, die „die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland und das gegenwärtige Engagement für eine demokratische Gesellschaft miteinander verknüpfen“, wie es in der aktuellen Ausschreibung für den Oranienburger Toleranzpreis heißt.

Dieser Preis trägt seit vergangenem Jahr den Namen des Pädagogen, Lehrers und Politikers Franz Bobzien. Er war wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime zunächst im Zuchthaus Bremen-Oslebhausen inhaftiert, ehe er 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt wurde. Unter widrigsten Bedingungen bewahrte er dort seine humanistische Gesinnung, indem er sich für jugendliche Mitgefangene einsetzte, Musik- und Mathematikstunden gab und Deutschunterricht für polnische und tschechische Gefangene organisierte – was deren Überlebenschancen im Lager erhöhte. Ein ehemaliger Insasse des KZ Sachsenhausen aus Polen schilderte Bobzien als einen Deutschen, der ihnen gezeigt habe, dass es „in dieser finsteren Zeit ein anderes Deutschland“ gegeben habe. Bobzien kam Ende März 1941 in Berlin-Lichtenberg ums Leben – bei Bombenräumarbeiten, zu denen er verpflichtet worden war.

Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD) sieht den „Franz-Bobzien-Preis“ nicht nur als Ansporn für demokratisches Engagement gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Preis solle dazu beitragen, dass auch außerhalb Brandenburgs wahrgenommen werde, dass es in diesem Bundesland „zahlreiche Menschen gibt, die sich gegen Neonazismus zur Wehr setzen und sich für Freiheit und soziale Demokratie einsetzen“. Erstmals wird der Preis in diesem Jahr für Projekte ausgeschrieben, die nicht nur in Brandenburg, sondern auch in Berlin angesiedelt sind. Das trägt der zunehmend engen Verflechtung der Bundesländer Rechnung. Zur Teilnahme aufgerufen sind somit auch Berliner Initiativen, die sich für Demokratie und Vielfalt einsetzen.

Bewerbungsschluss ist der 1. Januar 2014. Die Preisverleihung findet aus Anlass des 69. Jahrestages der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen im April statt. Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert. Die Zweit- und Drittplatzierten erhalten Sachpreise. Beteiligen können sich Schulen, andere Bildungseinrichtungen, Initiativen und Einzelpersonen. Eingereicht werden sollen Projekte, die nach dem 1. Januar 2012 durchgeführt wurden und entweder abgeschlossen sind oder für die zumindest eine erfolgreiche Teilumsetzung vorgewiesen werden kann. Eine Jury aus Personen des öffentlichen Lebens bewertet die Beiträge. Der Tagesspiegel ist Medienpartner des Wettbewerbs.

Wegen der Geschichte Oranienburgs sieht sich die Stadt in der besonderen Verantwortung, gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit Position zu beziehen. Bereits im März 1933 wurde von der Oranienburger SA im Stadtzentrum das erste Konzentrationslager errichtet. Von 1936 an baute die SS am Stadtrand das Konzentrationslager Sachsenhausen auf. Es fungierte als Modell- und Schulungslager, und von 1938 an befand sich in Oranienburg die SS-Verwaltungszentrale für sämtliche Konzentrationslager. Insgesamt waren im KZ Sachsenhausen 200 000 Menschen inhaftiert, Zehntausende kamen ums Leben. Nach der Befreiung des Lagers durch sowjetische und polnische Soldaten im April 1945 wurde es vom sowjetischen Geheimdienst zum Speziallager Nr. 7/Nr. 1 umgewandelt. Nicht nur Funktionäre des Hitler-Regimes, sondern auch politisch Missliebige wurden dort inhaftiert. 12 000 der insgesamt 60 000 Gefangenen starben an den Folgen der Haftbedingungen.

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