Berlin : Franz-Josef Glorius (Geb. 1935)

Nun ist er aber Jesuit geworden und nicht Lokführer

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Er hätte natürlich auch Lokführer werden können, wie etwa Klaus Hollenbach, Absolvent derselben Schule, auf die auch er gegangen war. Klaus Hollenbach war Lokführer geworden, weil ihm im Osten der Stadt die akademische Laufbahn verwehrt geblieben war. Was wiederum an der Schule lag, die sowohl er als auch Franz-Josef Glorius besucht hatten, dem jesuitischen Canisius-Kolleg. Als Hollenbach im Osten zwangsweise seinen Traumberuf ergriff und Lokführer wurde, durfte Franz-Josef Glorius im Westen eine Laufbahn einschlagen, von der Jungs seltener träumen. Er wurde Jesuit: gelehrt, keusch, gehorsam.

Immerhin führte Jahre später das Schicksal die beiden, den Pater und den Lokführer, noch mal zusammen und der Pater durfte tun, wovon auch er zuweilen geträumt hatte: eine Lok führen. Wie genau das Schicksal das späte Zusammentreffen der beiden Canisianer arrangiert hat, ist nicht überliefert, man darf aber davon ausgehen, dass Franz-Josef Glorius’ Netzwerkgedanke eine Rolle dabei spielte. Er war davon überzeugt, dass die Erziehung am Canisius-Kolleg nicht nur ihn fürs Leben prägte, sondern dass das für jeden Schüler dieser Einrichtung galt. Folglich setzte er viel daran, Kontakte aufrechtzuerhalten und zu knüpfen. So mag er an Hollenbach geraten sein und mit Hollenbach in den Führerstand der Reichsbahn-Elektrolokomotive E11. Es gibt ein Foto, auf dem schaut er, der Pater Glorius, in Reichsbahner-Uniform aus dem Führerstand der Lok mit einem Blick, der den Eingeweihten staunen lässt: Das soll kein Reichsbahner sein? Es heißt, er habe tatsächlich die Lok gesteuert, unter der Aufsicht Hollenbachs zwar, aber nicht nur einmal.

So viel zum leichter nachvollziehbaren Teil dieser Vita. Nun ist er aber Jesuit geworden und nicht Lokführer. Er hat einen Eid abgelegt, der ihn zu Armut, Enthaltsamkeit und Gehorsam verpflichtet. Über seine Gründe können auch die Vertrauten nur spekulieren. Eine große Rolle muss das Canisius-Kolleg gespielt haben, an dem er zur ersten Schülergeneration nach dem Krieg gehörte zu einer Zeit, als nur Jungs hier lernten und die meisten Lehrer Jesuiten waren und lange schwarze Sutanen trugen. Die strenge, wenig zimperliche Atmosphäre jener Jahre schüchterte viele ein, Franz Josef, der als Sohn eines Schumachers im Kreuzberger Teil der Wilhelmstraße aufgewachsen war, aber nicht. Es mag der Gedanke einer treuen und stabilen Gemeinschaft gewesen sein, der es ihm angetan hatte. Ein Teil davon wollte auch er werden, geachtet von den Schülern, umgeben von Mitbrüdern, die ganz und gar für etwas Erhabenes einstanden, Erziehung, Bildung, Treue.

So kehrte er nach seiner Jesuitenausbildung in Bayern nach Berlin zurück, bezog eine enge Zelle im Jesuitentrakt der Schule am Rande des West-Berliner Tiergartens und lehrte Religion und Leibesübungen.

Die Zeiten wandelten sich, aus Leibesübungen wurde Sport, Mädchen kamen an die Schule, die Atmosphäre wurde weltlicher. Und Franz-Josef Glorius versuchte zu bewahren, was ihm das Wichtigste war: die Canisianer-Gemeinschaft. Indem er die Schüler ihrer Besonderheit versicherte, vergewisserte er sich seiner eigenen Bedeutung. Und grub sich bei Generationen von Schülern ein als der Lehrer des Kollegs.

Was auch an seiner Allgegenwart lag. Die undankbare Aufgabe des Verkehrslotsen übernahm er tagein, tagaus mit Hingabe. Während die anderen Patres und Lehrer zu Mittag speisten, stand er an der Haltestelle, wo die Schüler den Bus bestiegen, und passte auf, dass das geordnet ablief. Rannte einer bei Rot über die Ampel, gab es einen Tadel. Und es heißt, dass Glori, wie ihn alle nannten, zuweilen noch vor dem Sünder bei den Eltern war, um ihnen von der Verfehlung zu berichten.

Was er von den Verfehlungen der beiden Jesuiten wusste, die sich in den siebziger, achtziger Jahren an einer Unzahl von Schülern vergangen hatten? Man weiß es nicht. Der heutige Rektor sagt, Glorius sei dem Thema ausgewichen, habe sich nie klar dazu geäußert. Ein anderer, der damals selber Lehrer am Kolleg war, sagt, Glorius habe von den Übergriffen nichts mitbekommen können. Was, wenn es stimmen sollte, hieße, dass er kaum die Vertrauensperson gewesen sein kann, als die er sonst beschrieben wird.

Was hätte der treue Pater getan, wenn er von den Dingen erfahren oder etwas geahnt hätte? Hätte er sich mit seinen Mitbrüdern angelegt? Unter ihnen war er ein kleines Licht; ein Revoluzzer war er schon gar nicht. Er musste fürchten, dass die Gemeinschaft Schaden nehmen würde. Wie groß andererseits der Schaden war, den die Übergriffigen anrichteten, konnte er kaum erahnen.

Jesuiten wechseln normalerweise alle sechs Jahre ihre Posten, Glorius lehrte 25 Jahre am Kolleg. Er war 55, als es hieß, er solle seinen Posten räumen und Krankenhausseelsorger werden. Alles Mögliche hätte er gegen die Versetzung unternommen – hätte er nicht den Jesuiteneid geschworen. Die Schule, die gemeinhin der Vorbereitung aufs Leben dient, sie war sein Leben.

Franz-Josef Glorius hielt den Kontakt zu seinen Canisianern. Die Friedhofskapelle bei seiner Beerdigung war übervoll, eine riesige Ersatzfamilie nahm Abschied.

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