Berlin : Franz Keller (Geb. 1925)

Gott braucht ihn nicht in Indien. Gott braucht ihn in Kreuzberg

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In den 1920er und 30er Jahren zieht es viele Schweizer in die Ferne, selten allerdings aus romantischen Motiven. Sie suchen Arbeit. Ein älterer Bruder von Franz Keller wandert nach Chile aus, ein zweiter fährt nach Afrika. Franz Keller will nach Indien, als Missionar. Weil er dort außerdem Schulen bauen möchte, studiert er Architektur. Und weil er weiß, dass die Jesuiten ihre Missionare nach Indien schicken, bewirbt er sich um die Aufnahme in den Orden. Die Exerzitien, die er als Novize zu absolvieren hat, muss er für den Militärdienst unterbrechen. Monatelang hilft er bei Lawinenschäden und schleppt Baumstämme. Immer wieder muss er ins Krankenhaus, weil sein Rücken kaputt ist. 1950 wird er endlich Jesuit. 1952 verbietet Indien den Missionaren die Einreise.

Die Sehnsucht bleibt. Im österreichischen Feldkirch betreiben die Jesuiten ein Internat. Franz Keller kümmert sich um Sanierung und Ausbau der Gebäude. 1960 ist es endgültig klar: Der Orden wird ihn nicht mehr in die Ferne schicken, auch weil er inzwischen zu alt ist. Er bittet Gott um Demut. Es geht um das Große und Ganze und darum, wo Gott einen braucht. Franz Keller braucht er in Indien offenbar nicht.

Als er nichts mehr erwartet, macht ihm sein Orden doch noch ein Angebot. Ob er sich vorstellen kann, nach Berlin zu gehen, nach Kreuzberg, zu den Arbeitern, Flüchtlingen, Hausbesetzern. Bruder und Neffe besuchen ihn in Kreuzberg. Sie sind entsetzt. Jeden Morgen geht Franz in die Fabrik und steht am Fließband. Abends kehrt er heim in eine Wohngemeinschaft mit drei anderen Jesuiten und einer zuweilen unüberschaubaren Zahl von Flüchtlingen und sonst wie gestrandeten Menschen. Im „Trinkteufel“ unten im Haus treffen sich Hausbesetzer und Punks. Wie hält Franz, der Intellektuelle, der Freund der Berge und der Weite das hier aus?

Franz lächelt durch seine große, altmodische Brille und sagt: „Wenn ich die Menschen und ihre Nöte und Wünsche verstehen will, muss ich mit ihnen leben.“ Jesus ging doch auch zu den Ausgegrenzten auf die Straße und lebte mit ihnen.

Fünf Jahre lang zieht Franz Keller bei Elektrolux in Tempelhof Plastikhäute über die Innenwände von Kühlschränken. Oft tut ihm der Rücken weh, doch er beklagt sich nicht. Aber wenn seine deutschen, italienischen und türkischen Kollegen für einen besseren Gesundheitsschutz und mehr Geld kämpfen, kämpft er mit. Den Hausbesetzern in der Regenbogenfabrik zeigt er, wie man Toiletten einbaut und Holz bearbeitet.

Weihnachten und Ostern fährt er zur Familie in die Schweiz. Bruder Leo ist Betriebswirt, konservativ, redet dem Kapitalismus das Wort. Franz vertritt die Sicht der Schwachen und Abgehängten. Es prallen Welten aufeinander, und doch zerbricht nie etwas. Die Kunst des Ausgleichs betreibt Franz in seiner Kreuzberger WG tagtäglich. Als Streitereien eskalieren und ein Gast dem anderen droht, ihn aus dem Fenster zu werfen, kommt er in die Küche und sagt nur: „Das hat es hier noch nie gegeben.“ Es wirkt wie ein Schnitt, die Luft ist raus, es wird still.

Wer um einen Schlafplatz bittet, wird aufgenommen. Oft sind es misstrauische, verletzte Menschen. Manche bleiben über Nacht, andere für Jahre. Franz ist der ruhende Pol. Seine Mitbrüder organisieren Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis und Friedensgebete mit Muslimen, Juden und Hindus. Franz steht nicht in der ersten Reihe, aber er macht alles mit. Dienstagabends essen sie alle zusammen, erzählen, wie es ihnen geht, und feiern am Wohnzimmertisch die Messe.

Jeden Morgen Punkt halb neun trinkt er seine Ovomaltine, drei Esslöffel Pulver, heißes Wasser, kalte Milch. Sein schmales Bett steht in einem Durchgangszimmer, nur durch einen Vorhang abgetrennt. Neben dem Bett ein kleines Regal, darüber ein Fotokalender aus der Schweiz und ein Haken für Hosen und Pullover. Wenn er mal ganz für sich sein will, geht er in die Kirche um die Ecke und betet. Oder er steht um drei Uhr nachts auf, setzt sich aufs Fahrrad und fährt 200 Kilometer. Manchmal kommt er mit Verletzungen zurück. Franz fährt schnell und wild.

Er drängt sich nicht auf und redet nie schlecht über andere. Mit Kritik spart er nur dann nicht, wenn es um die katholische Kirche geht. Sie ist ihm zu verkrustet, zu wenig menschenfreundlich. Sein Neffe hat ihn ein einziges Mal zornig erlebt: als ihn der Ordenschef fragt, ob er nicht lieber in ein Altenheim in die Schweiz zurückkehren möchte.

In der Nacht, als es ihm schon sehr schlecht geht, feiert eine afrikanische Mitbewohnerin in der WG ihren Geburtstag. Nur eine dünne Wand trennt die Feiernden von dem Sterbenden. So hat er es sich gewünscht. So wäre es wohl auch in Indien gewesen.

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