Franziska Sophie Ilzhöfer (1998 - 2013) : So schnell. So wenig Zeit

Franziska war zwölf, als sie im Olympiastadion die 50 Meter lief. 7,24 Sekunden vor 40.000 Zuschauern. Wenn sie etwas wirklich wollte, setzte sie es durch. Und sie hatte alles – nur zu wenig Zeit. Ein Nachruf.

Sandra Stalinski
Franziska Ilzhöfer (1998 - 2013) Foto: Privat
Franziska Ilzhöfer (1998 - 2013)Foto: Privat

Ein Wintermorgen, Donnerstag. Franziskas Mutter macht Frühstück, weckt die Mädchen. Franziska steht sofort auf, zieht sich an, packt den Ranzen, isst, putzt die Zähne, fertig. Sie hat keine Zeit zu verlieren.

Vielleicht ist dieser Morgen harmonischer als andere. Kein ungeduldiges Wort zur kleinen Schwester Charlotte. Franziska ist froh. Am Tag davor hat die Mutter ihr diese coole Jacke gekauft. Olivgrün mit Pelzkapuze.

Cool, das Wort gehört seit ein paar Monaten fest zu Franziskas Wortschatz. „Ach Papa, lass uns lieber ’ne coole Wurst fürs Abendessen kaufen!“ – „Was ist denn ’ne coole Wurst?“ – „Weiß nicht.“ Sie einigten sich auf Hotdogs.

Eigentlich hatte die Mutter kaum Zeit, mit Franziska die Jacke zu kaufen. Doch Franziska ließ nicht locker. Sanft aber bestimmt bearbeitete sie ihre Mutter: „Warum denn nicht? Wir haben doch ’ne ganze Stunde!“ Und die Mutter dachte: „Warum eigentlich nicht?“ Wenn Franziska sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann erreichte sie es.

Mit drei hatte sie beschlossen: „Ich will Ballett tanzen“, und so geschah es. Dass sie Talent hatte, sahen die Trainer sofort. Diese Körperspannung, dieser Wille, noch die kleinste Bewegung perfekt auszuführen. Nach vier Jahren beschloss Franziska, wieder mit dem Tanzen aufzuhören. Dabei war sie eine der Besten.

Um 7 Uhr 20 verlässt sie das Haus. Es ist noch nicht ganz hell. Die Mutter darf ihr einen Abschiedskuss geben, längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Vom Treppenabsatz aus blickt sie der Tochter nach. Franziska in der neuen Jacke, die braunen Haare fallen locker über ihre Schultern.

„Franziska ist ein Hüpfkind“, sagte ihre Oma. Bobbycar und Dreirad ließ sie links liegen. Den Weg zum Spielplatz wollte sie immer zu Fuß gehen. Mit schwingenden Armen, von einem Bein aufs andere springend. Jedes Hindernis war ihr willkommen, rauf auf den Baumstamm, runter vom Baumstamm. Wieder rauf und wieder runter.

In der dritten Klasse kam Franziska begeistert von der Schule: „Mama, ich laufe schneller als Herr Schmidt!“ Herr Schmidt war ihr Sportlehrer, den sie anhimmelte. Den alle in der Schule anhimmelten. Was er sagte, war für Franziska Gesetz, gleich nach Mama und Papa. Er hatte sie entdeckt und gefördert.

Ihre Tage waren durchorganisiert. Um drei kam sie aus der Schule, eine Stunde später ging es wieder los. Geigenunterricht, Spring- und Dressurreiten, jeden zweiten Tag kümmerte sie sich ums Pferd. Und dreimal die Woche Leichtathletik beim TSV Rudow. Die anderen im Verein bewunderten sie: Franziska kam immer gut gelaunt zum Training. Keine Klage, auch nicht bei der halben Stunde Dauerlauf. Und dann trainierte sie an ihrer alten Grundschule noch die Kleinen, zusammen mit Herrn Schmidt. Die Medaillen im Sprint, Weitsprung, Staffellauf, so erzählen es die Eltern, hat sie auch für ihn geholt.

Da war dieses Blitzen in ihren Augen, kurz bevor sie an den Start ging. Und die Überzeugung: Ich kann gewinnen. Ehrgeizig, nicht verbissen.

Gleich wird sie die 50 Meter in 7,24 Sekunden laufen. Das drittschnellste Mädchen Deutschlands. Foto: Privat
Gleich wird sie die 50 Meter in 7,24 Sekunden laufen. Das drittschnellste Mädchen Deutschlands.Foto: Privat

Herr Schmidt war es auch, der sie zu „Deutschland sucht den Supersprinter“ schickte. Franziska war zwölf. Olympiastadion, 40 000 Zuschauer blicken auf die blaue Tartanbahn. Da steht Franziska mit der Startnummer 327 im Sprinter-Top und winkt, plötzlich ganz groß auf der Stadionleinwand, in die Kamera. Gleich wird sie die 50 Meter in 7,24 Sekunden laufen. Das drittschnellste Mädchen Deutschlands.

Um 8 Uhr 15 klingelt es an der Tür. Die Mutter macht auf. Ein Polizist, schon sein Blick ist so seltsam.

Zeit war das Einzige, was Franziska nicht hatte. Nicht mehr für ihr Praktikum bei der Polizei. Nicht mehr für ihr Auslandsjahr in den USA. Nicht mehr für die erste Liebe, die vor drei Monaten begonnen hatte.

Auf dem Weg zum Bus, 300 Meter vom Haus entfernt, musste sie eine Straße überqueren. Die Ampel war ausgefallen. Ein Auto kam von rechts.

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