Berlin : Französisches Gymnasium: Immer 100 Jahre älter als der heutige Nationalfeiertag

Jan Schulz-Ojala

Kein Klingelschrillen zerfetzt die Vormittagsruhe in der Derfflingerstraße in Tiergarten. Leere. Freie Parkplätze, nirgends ein Mensch, auch der Fahrradständer vorm Portal steht nutzlos rum, komische Riesenraupe aus Blech. Ferien. Anderswo reiten Berliner Schüler zu Zehntausenden noch die letzte Unterrichtswoche ab, hier sind sie schon eine Woche lang Wirklichkeit: Ferien. Ja, das schmeckt, bis ins Wort. Nur die Direktoren und ihr jeweiliges Sekretariat sitzen dieser Tage noch nach. Aufräumen des alten Schuljahres, umräumen den Kopf zum neuen hin, Stundenpläne...

Die Direktoren? Ja, es gibt zwei am Französischen Gymnasium. Madame Hélène Perrier und Monsieur Götz Schuffelhauer. Alles irgendwie doppelt an dieser Schule, oder anders, wie die Ferien (zehn Tage mehr als an sonstigen Berliner Schulen, aber - hélas! - zehn Tage weniger als in Frankreich). Um es mit François Mitterrand zu sagen, der um große Worte nie verlegen war: "Diese Schule ist einzigartig auf der Welt." Sein Spruch, getan beim Besuch zur 750-Jahr-Feier Berlins vor dreizehn Jahren, steht auf gülden blinkender Tafel im eher düsteren Schulfoyer, festgehalten für die nächstbeste Ewigkeit. Einzigartig? Die Schüler, wenn sie denn da wären, würden wahrscheinlich spotten: Schule ist Schule, überall gleich. Aber, abgebogen hinter der nächsten Ecke oder der übernächsten - dem Abitur oder dem französischen Baccalauréat, im Alltag meist beidem -, ein bisschen stolz drauf sein. Wärmt eben doch, sowas, inwendig und unauffällig, wie das Futter in der Jacke.

Es müssen ja nicht gleich die Superlative sein. "Älteste ununterbrochen in Betrieb befindliche Schule Berlins" zum Beispiel. Obwohl: Zum heutigen französischen Nationalfeiertag hat das FG, wie es seit Schülergenerationen gekürzelt wird, sein Privatjubiläum. Lässt sich gut merken: Man ist immer genau 100 Jahre älter. 1689 vom Großen Kurfürsten in Brandenburg gegründet, welcher damit den (protestantischen) Hugenotten eine Religionsfreiheit garantierende Heimstatt gab, die sie in Frankreich nach Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes verloren hatten. Das ist gewissermaßen Paragraph eins der Schulheimatkunde. Toleranz, Tradition und Verpflichtung zugleich: Eignet sich gut für Sonntagsreden. Erst recht aber, das Pathos abgezogen, fürs Montagsleben.

Götz Schuffelhauer, deutscher Direktor seit dreieinhalb Jahren, ist in der Tradition seiner würdevollen Vorgänger - manche der sehr viel früheren sind vorm Sekretariat in Öl auf Leinwand verewigt - ein angenehm unpathetischer Mann. Und zugleich der Schule und Frankreich sowie der Toleranz und Offenheit auch schon fast lebens-ewig verbunden: FG-Referendar in den frühen siebziger Jahren, eine Zeitlang Junglehrer und dann - Warteschleife vor seinem wohl lebenslangen Traumjob - jahrelang Chef der Deutschen Schule in Toulouse. Götz Schuffelhauer ist einer, der ebenso sonnig wie entwaffnend Sachen beim Namen nennt. Zum Beispiel: "Ach wissen Sie, die Fusion stand bis 1994 doch nur auf dem Papier."

Fusion? Seit 1953 war sie die allerheiligste aller heiligen Kühe an der Schule - politisch, geistig-moralisch sowie organisatorisch gewünschte Verschmelzung der deutschen und französischen Schulbelegschaft. Schließlich galt es, rund 400 "germanophone" Berliner Schüler mit rund 400 Kindern französischer Offiziere und Zivilangestellter der in Berlin bis zur Wiedervereinigung amtierenden Militärregierung zusammenzubringen.

Das Ergebnis waren zwei Schulen unter einem Dach, trotz teilweise gemeinsamen Unterrichts, trotz gemeinsamer Unterrichtssprache Französisch, trotz, trotz, trotz. Schuffelhauer: "Die Kinder der Militärs wurden nach der Schule mit Militärbussen in ihre Wohnsiedlungen gebracht, und in der Freizeit gingen sie in Einrichtungen der Militärregierung gratis segeln, reiten, Tennis spielen." Irgendwie Luxus und Ghetto gleichzeitig also, dem Berliner Alltag doppelt fern. Hinzu kam: die dauernden Versetzungen der Franzosen - nicht in die nächste Klasse, sondern nach Frankreich oder sonstwohin, in der Regel spätestens nach drei Jahren. Klassengemeinschaft? Vergiss es. Fusionsfördernde Schülerliebe? Lass man lieber, tut nur weh.

Mittlerweile aber ist so viel Fusion an der Schule wie seit Menschengedenken nicht. Gemeinsamer Lehrplan, gemeinsame Unterrichts- und Lehrerkonferenzsprache: alles Französisch. Nun gut, es gibt noch immer zwei Verwaltungen und formal - mit der Senatsschulverwaltung und dem französischen Kultusministerium - zwei Arbeit- und Brötchengeber: Rund 50 deutsche Lehrer sind knapp 500 deutschen Schülern und 25 französische Lehrer gut 300 französischen und zweisprachigen Schülern zugeordnet.

Der Rest ist Alltag. In den ersten beiden Klassen, Stufe 5 und 6, werden die deutschen Schüler fit gemacht mit acht Wochenstunden Französisch, ab der 7. Klasse läuft fast alles, ab der achten Klasse alles zusammen, nach französischen Rahmenplänen. Logische Ausnahme: Deutsch (wobei die Sprache je nach Schüler-Herkunft in drei verschiedenen Niveaus angeboten wird). Auch Kunst und Sport werden, sagt Schuffelhauer, "ein bisschen flexibel" gehandhabt. Also: Beim Fußballspielen darf man schon mal "Abseits!" rufen - in der "Pausensprache" namens Deutsch.

Und - gar keine Tiefpunkte? Den einzigen, für das Selbstverständnis der Schule durchaus bedrohlichen, hat man unlängst überwunden. Denn die Geschichte, die die letzten französischen Militärfamilien 1994 ihren Abschied nehmen ließ, für das FG ein existenzieller Aderlass, hat - Stichwort Hauptstadt - jede Menge Neu-Franzosen nach Berlin gebracht. Erst kamen die französischen Firmen-Filialen, und seit anderthalb Jahren sind auch die frankophonen Botschaften Frankreichs, Kanadas, Belgiens da. Und das sind, im Bestfall: Familien mit Kindern. FG-Kundschaft also. Nur die Botschaften der afrikanischen Länder mit französischer Kolonialvergangenheit arbeiten noch in Bonn - wenn auch sie eines Tages umsiedeln, ist die neue Internationalität, die die Stadt der Schule zuführt, strukturell komplett. Noch ein paar mehr als die jetzt schon 30 Schul-Nationen: Der Große Kurfürst selig hätte sie sicher gern gesehen.

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