"Frau Luna" im Tipi vorgestellt : Zu den Sternen

Nach 15 Jahren Planerei hebt der Ballon ab: Das Tipi am Kanzleramt zeigt „Frau Luna“. Paul Linckes Alt-Berliner Singspiel feiert im Oktober Premiere – mit einem All-Star-Ensemble.

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Mondkälber. Das Ensemble von „Frau Luna“ posiert im Tipi für ein Klassenfoto.
Mondkälber. Das Ensemble von „Frau Luna“ posiert im Tipi für ein Klassenfoto.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Benedikt Eichhorn scheint doch überrascht. „Die haben mir eine richtig große Rolle gegeben.“ Den Fritz Steppke nämlich, einen Berliner Mechaniker, der den Expressballon zum Mond erfindet. Eine Rolle mit deutlich mehr Text, als Thomas Pigor sie hat. Und das, obwohl der Pianist seit ewigen Zeiten als Teil des Kabarettistenduos „Pigor und Eichhorn“ mit dem devoten Untertitel „Pigor singt und Eichhorn muss begleiten“ leben muss. Doch jetzt ist Eichhorns Ende der Bescheidenheit erreicht. Und nach kurzem Sinnieren weiß er auch den Grund. „Ich wirke jugendlicher als Pigor.“

Nicht gerade ein Adjektiv, das sich angesichts der ersten Eigenproduktion des Tipi am Kanzleramt aufdrängt. Immerhin handelt es sich bei Paul Linckes burlesker Operette „Frau Luna“ um ein gut abgehangenes Singspiel von 1899 beziehungsweise 1922 – je nach Fassung. Den Plan, die Frau im Mond herauszubringen, beackern Holger Klotzbach und Lutz Deisinger, die Chefs von der Bar jeder Vernunft und Tipi, auch schon seit 15 Jahren, damals noch mit dem Wunsch, vom bald darauf verstorbenen Schriftsteller Thomas Brasch ein neues Buch dazu schreiben zu lassen. Und das All-Star-Ensemble, das sich am Donnerstag bei der Vorstellung der freudig erwarteten Chose vollständig präsentiert, weist zusammengenommen eine erkleckliche Anzahl an Bühnenjahren auf.

Oder wie es Andreja Schneider von den Geschwistern Pfister ausdrückt, die zu den Rädelsführern der Mondfahrt gehören. „Ich finde es gerade schön, ein etwas ältliches Stück mit ein bisschen in die Jahre gekommenen Künstlern zu machen.“ Das entspräche ja genau den Figuren, die ihrerseits nicht mehr ganz taufrische Berliner seien, die noch mal ordentlich auf den Putz hauen wollen. Und wenn sie dafür bis auf den Mond fliegen müssen. Wovon sie dann beseelt wieder zurückkehren und was erkennen? Na, dass es zu Haus doch am schönsten ist.

Eine fidele Revue mit reichlich Lokalkolorit

Der Kreuzberger Paul Lincke, der in diesem Jahr sowohl den 150. Geburtstag wie den 70. Todestag verzeichnen kann, hat in die fidele Revue reichlich Berliner Lokalkolorit einfließen lassen. Und knallige Ohrwürmer wie „Das macht die Berliner Luft“ und „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ eingearbeitet.

Für Dramaturgin Ilka Seifert ist die in der Zeit rasanter Zuwanderung und einer immens wachsenden Stadt entstandene Operette ein Stück Berliner Selbstvergewisserung. Und Regisseur Bernd Mottl ergänzt mit Blick auf heute: „Wohnungsnot, Bauspekulation. Weltuntergangsstimmung, alles drin.“ Auch der den Einwohnern zugeschriebene Hang zu „Höhenflügen und fehlendem Sachverstand“.

Das sind Worte, zu denen das wie beim Klassentreffen der Bar- und Tipi-Künstler familiär beieinander hockende Ensemble beifällig nickt. Außer den Pfisters und Pigor und Eichhorn sind das Annamateur, Ades Zabel, Max Gertsch, Sharon Brauner, Cora Frost, Gert Thumser, Gustav Peter Wöhler, die auf der Bühne von acht Tänzern verstärkt werden.

Der in allen musikalischen Genres bewanderte Wöhler spielt Prinz Sternschnuppe und hat erklärtermaßen keine Angst vor der Piefigkeit, die durchaus in der erst vor drei Jahren von Herbert Fritsch an der Volksbühne so heiter dekonstruierten „Frau Luna“ stecken kann. „Wenn wir das machen, wird das sowieso Camp.“

Im Altbackenen liegt das Zeitgemäße

Das ist auch der Plan des Regisseurs, der „La Cage aux Folles“ in der Bar jeder Vernunft inszeniert hat. „Manchmal liegt im Altbackenen das Zeitgemäße.“ Er will keine modernisierte, artifizielle oder klamottige Luna, sondern Werktreue, Nostalgie, Charme – kurz eine „Samstagsnachmittagsheimatfilmattitüde“, einzig konterkariert durch die eigenwilligen Persönlichkeiten seiner Kabarett- wie Musical-erfahrenen Darsteller. „Wir stellen das Stück nicht auf den Kopf, sondern drücken es liebevoll an die Brust.“

Beim legendären „Weißen Rössl“ in der Bar jeder Vernunft, weiland 1994, als die Pfisters im rosigen Schmelz der Jugend ebenfalls künstlerisch federführend dabei waren, hat das schließlich bestens geklappt und nicht wenig zur Rehabilitierung des Genres beigetragen. Das macht Hoffnungen. Die ersten 14 Karten seien schon weg, teilt der Geschäftsführer mit.

Dass die „Luna“ im Kaiserreich und nicht im Jazzzeitalter komponiert wurde, spiegelt sich auch im 12-köpfigen Orchester unter Leitung von Johannes Roloff wieder. Das verfügt zwar über Trommeln und Glockenspiele, um preußische Märsche zu intonieren, verzichtet aber auf ein Drumset. Alles andere als wilhelminisch-autoritär läuft dafür die im September startende Proben- und Inszenierungsarbeit. Die funktioniert als demokratisches Ensembleprojekt, die „Steuerung“ der Künstler übernimmt „Dompteur“ Bernd Mottl.

Hauptsponsor der privaten Produktion ist übrigens die Gasag. Und ein weißer Ballon mit nicht näher bezeichnetem Auftriebsmittel ziert schon mal das Plakat.

Tipi am Kanzleramt, 27. Oktober bis Januar 2017, Karten ab 20 €.

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