Frauen-WM in Berlin : Endlich Anpfiff

Schon am ersten Tag der Frauen-WM herrscht Public-Viewing-Fieber – aber nur beim Deutschland-Spiel. Viele Fußballbegeisterte nutzen ihren Aufenthalt in Berlin für eine Sightseeing-Tour.

von und Nik Afanasiew

Hunderte Fans haben sich im vollbesetzten Lido versammelt. Auffällig wenige Deutschlandfahnen und nur wenige Trikots sind zu sehen. Die Stimmung leidet nicht darunter – jeder, aber wirklich jeder Freistoß wird beim Public Viewing in dem Kreuzberger Club beklatscht, eine einzelne Vuvuzela hat sich vom letzten WM-Sommer herübergerettet und betrötet lautstark das erste Tor in der zehnten Minute.

Schon am Eröffnungstag der Frauenfußball-Weltmeisterschaft herrscht in Berlin an mehreren Orten Massenguck- Fieber. Auch am Bundespressestrand in Mitte sind die Gäste am frühen Sonntagabend in Feierstimmung, mehrere hundert Fans verfolgen hier das Geschehen auf der Großbildleinwand, hocken bequem in Liegestühlen oder im Sand. Einige Besucher tragen Trikots der deutschen Mannschaft – allerdings mit den Namen der männlichen Stars wie Özil auf dem Rücken.

Nach dem Spiel bleibt es erstaunlich ruhig. Auf dem Kurfürstendamm finden sich keine Fans zum Autokorso ein, niemand hupt, der Verkehr rollt flüssig. Lediglich ein einzelner Kombi ist geschmückt, rollt mit überdimensionalem Ball auf dem Dach die Straße lang.

Und auch in vielen Berliner Kneipen bleibt die Euphorie, die während der letzten beiden Männer-Weltmeisterschaften so oft spürbar war, zunächst aus. Am deutlichsten wird das am Nachmittag, als um 15 Uhr das Spiel Nigeria gegen Frankreich startet. Vielerorts bleiben die Sitzbänke vor den Bildschirmen leer. Auch im Biergarten Golgatha im Kreuzberger Victoriapark fehlen die Fans: „Aber nur, weil gerade alle zum Deutschland-Spiel aufgebrochen sind“, sagt eine Veranstalterin.

Auf den Straßen und Plätzen prägen am Eröffnungstag die Fußballfans das Stadtbild. Direkt vor der Gedächtniskirche etwa schießen nachmittags 20 Mädchen einen Ball hin und her, es ist eine C-Jugend-Mannschaft aus Tübingen. „Für uns ist das eine tolle Chance, nicht jeder hat die Möglichkeit, das Spiel zu sehen“, sagt der 20-jährige Trainer Nico Mangliers. Wie viele andere Fangruppen haben auch die Mädchen sich extra T-Shirts drucken lassen, auf denen in großen Buchstaben „Frauenweltmeisterschaft 2011“ steht.

Viele Fußballbegeisterte nutzen ihren Aufenthalt in Berlin für eine Sightseeing-Tour. Am Potsdamer Platz und am Alex tummeln sich Familien. In Sachen Fan-Artikel stehen sie den Fans der Männer in nichts nach. Hüte, Handschuhe, Deutschlandflaggen. Nur die Trikots sind andere: Dauerbrenner ist die Nummer fünf von Annike Krahn, der Zweikampfspezialistin der deutschen Abwehr. Die meisten Fans sind von weit her angereist, echte Berliner sind Mangelware. Dafür sitzen im Olympiastadion keineswegs nur Frauen: „Ich mochte Fußball schon immer“, sagt etwa André Rams. „Und seit es in den letzten Jahren ein bisschen in die Öffentlichkeit gerückt ist, natürlich auch Frauenfußball.“ Karten hat er zunächst einmal nur für das Eröffnungsspiel in Berlin. „Wir werden aber schauen, ob man nicht noch an ein paar Karten rankommt, wenn die Deutschen spielen.“

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