Frauenzimmer in Schöneberg : Ohne Angst hinaus

Wohin, wenn der Partner Gewalt anwendet? Im Frauenzimmer in Schöneberg gibt es Hilfe.

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Einfach abhauen. Nicola Nadolny (l.) und Christiane Loyen helfen Frauen in Not. Für die Ausstattung von Zufluchtswohnungen benötigen sie Geld.
Einfach abhauen. Nicola Nadolny (l.) und Christiane Loyen helfen Frauen in Not. Für die Ausstattung von Zufluchtswohnungen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist eine der ersten Fragen, die Nicola Nadolny den Frauen stellt, die bei ihr Hilfe suchen: „Was wird Ihr Mann tun, wenn er Sie auf der Straße sieht?“ Manche sind sicher, es würde nichts passieren, andere sagen, der Mann würde sie schnappen und wegzerren. Nadolny, eine von sechs Sozialarbeiterinnen des Frauenzimmer e.V. mit Sitz in Schöneberg, plant mit den Frauen ihre Flucht vor der Gewalt, die sie durch den Partner erleben. Die Eingangsfrage ist wichtig – Berlin ist zwar eine große Stadt, Wege kreuzen sich aber dennoch. Und nicht selten suchen die Männer nach den Frauen.

Es ist ein oft über viele Jahre ausgebautes Kontrollsystem, dem die Opfer von häuslicher Gewalt entfliehen. Massive körperliche Gewalt gehört dazu, Schläge, Verbrühungen, Verbrennungen. Aber auch psychische Gewalt, Beleidigungen, Isolation, Demütigungen, Verbote. Nadolny sagt: „Das betrifft Menschen aller Altersklassen, aller Schichten, aller Religionen.“ Bei ihr im Büro landen die Frauen, die kein enges soziales Netz haben, die sich nicht für einige Zeit ein Hotelzimmer leisten können. Ihnen bietet der Frauenzimmer e.V., der zu den Projekten der diesjährigen Tagesspiegel-Spendenaktion „Menschen helfen“ gehört, seit fast 30 Jahren einen Zufluchtsort. In fünf Wohnungen in Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten gibt es insgesamt 23 Plätze für Frauen – und in vielen Fällen deren Kinder. Für sich und die Kinder hat jede Frau ein Zimmer, dazu kommen Gemeinschaftsküche und -bad. Demnächst wird es vier weitere Plätze in Charlottenburg geben.

"Es geht immer was kaputt"

Dort sollen die Frauen in ein neues Leben starten. In der Regel bleiben sie vier bis sechs Monate und finden dann eine eigene Wohnung. In dieser Zeit erhalten sie vom Frauenzimmer e.V. weitere Beratung und Unterstützung mit den Ämtern. Die Arbeit wird durch Senatsmittel gefördert, doch für die Ausstattung der Wohnungen reicht das nicht. Deshalb hofft der Verein jetzt auf etwa 2000 Euro aus der Spendenaktion. Zwei neue Waschmaschinen werden gebraucht, sowie verschiedenste Haushaltsgegenstände. Die Fluktuation sei eben hoch, sagt Nadolny.

„Bettwäsche und Handtücher sind immer oll, es geht immer was kaputt.“ Nadolnys Kollegin Christiane Loyen, als Psychotherapeutin für die Frauen und deren Kinder zuständig, sagt: „Die Kinder sind oft sehr aktiv. Sie knibbeln die Tapete ab, oft geht etwas zu Bruch. Oder sie nässen wieder ein, wenn die Trennung erfolgt, dann brauchen wir wieder eine neue Matratze.“

2010 erhielt das zugehörige Kinderprojekt Spielraum bereits Spenden der Tagesspiegel-Leser – darunter auch das zweistöckige Puppenhaus, das in Loyens therapeutischem Spielzimmer steht. Im oberen Stockwerk sitzt eine Familie beim Tee zusammen. So harmonisch geht es sonst nicht zu im Zuhause der Kinder. „Viele sind so sensibilisiert, dass sie schon merken wie der Vater drauf ist, wenn der nur den Schlüssel im Schloss herumdreht“, sagt Loyen. Sie stabilisiert die Kinder nach der Trennung und vermittelt sie im Bedarfsfall weiter. Damit sie wieder Kind sein können.

Mehrere Anläufe in einer Zufluchtswohnung

Viele der Frauen blühen auf, wenn sie in eine der Wohnungen des Frauenzimmer e.V. kommen. „Sie sehen bei uns zum ersten Mal, wie es ist, ohne Gewalt zu leben“, sagt Nicola Nadolny. Manche fangen an, sich die Haare wieder schön zu machen. Sich – trotz begrenzter finanzieller Mittel – schöne Kleidung zu organisieren. Wieder andere brauchen länger oder kehren gar zu ihren Männern zurück. Für Nadolny gehört auch das dazu. „Ich glaube, dass jeder Moment, den die Frauen außerhalb des Gewaltkreises erleben, sie ein Stückchen weiter bringt.“

Wie die inzwischen 25-Jährige mit zwei Kindern im Grundschulalter. Sie brauchte mehrere Anläufe in einer der Zufluchtswohnungen, bis sie sich endgültig von ihrem Mann trennte. Inzwischen hat sie ihre Ausbildung zur Modedesignerin abgeschlossen. Die Mappe, die die junge Frau zum Abschluss gestaltet hat, bewahrt Nicola Nadolny immer noch bei sich zu Hause auf. Franziska Felber

Spenden bitte an: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00), Konto 250 030 942 – Namen und Anschrift für den Spendenbeleg notieren. BELADEBE, IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42.

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