Berlin : Freibäder: "Bei kleinen Fehlern nicht gleich schimpfen"

Rainer W. During

Nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Besucher von fünf Berliner Sommerbädern gilt es in diesem Jahr, Neuland zu betreten. Wie berichtet, werden das Strandbad Tegel sowie die Freibäder Halensee, Jungfernheide, Grünau und Wendenschloß in dieser Saison von den Lehrlingen betrieben. Finanzmisere und Personalmangel der Bäder-Betriebe hätten sonst zur Schließung geführt. Firmensprecher Manfred Radermacher appellierte vorsorglich an die Gäste, Nachsicht zu üben, wenn nicht alles so klappt wie gewohnt.

Jeweils sechs bis zehn Auszubildende aus dem zweiten und dritten Lehrjahr sollen die Bäder vom 19. Mai bis 2. September in eigener Regie übernehmen. Das entspricht der normalen Besetzung im Einschichtbetrieb. "Erheblichen haftungsrechtliche Bedenken", die von der Senatsinnenverwaltung geäußert wurden, soll durch die ständige Anwesenheit mindestens eines ausgebildeten Fachangestellten begegnet werden. Das sei zumindest in kleineren Bädern ausreichend, sagte der Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister, Detlev Meyer, auf Anfrage. Grundsätzlich sei man allerdings strikt dagegen, sollten keine Fachkräfte zum Einsatz kommen.

Das Konzept ist mit Personalrat und Jugendvertretung abgestimmt, betonte Manfred Radermacher. Die 17- bis 21jährigen seien "hell begeistert" davon, im Rahmen ihrer Ausbildung ein Bad allein betreiben zu dürfen. Nach dem Rotationsprinzip müsse der Nachwuchs alle Aufgaben, von der Kasse über die Badeaufsicht bis zur täglichen Endreinigung, übernehmen. Dazu gehören auch das Aufstellen der Dienstpläne, die Abrechnung der Einnahmen sowie die Beschaffung des Materialnachschubs.

Ein derartiges Projekt hat es in Deutschland noch nicht gegeben, so Radermacher. Die Aufsicht werden in erster Linie die Lehrlingsausbilder der Bäder-Betriebe übernehmen. Außerdem erhält jeder Standort ein nahes Partnerbad benannt, aus dem ein erfahrener Schwimmmeister den Azubis bei Problemen zur Seite steht. Die Auszubildenden sind in Biologie bereits ebenso geschult wie in Animation und im Putzen der Bäder, ein Teil von ihnen hat auch schon den Rettungsschwimmerschein. Der Rettungsdienst sei gegenüber dem normalen Betrieb nicht eingeschränkt, betonte der Sprecher. Man werde die Gäste aber darauf hinweisen, dass es sich um "Ausbildungsbäder" handelt. "Wir bitten die Besucher, den Azubis zu helfen und bei kleinen Fehlern nicht gleich zu schimpfen". Wenn alles gut klappt, winkt den Nachwuchs-Bademeistern zum Saisonende eine Prämie oder eine große Party.

Ab dem 19. Mai sind die Bäder an sechs Wochentagen von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Weil die Azubis auch zur Berufsschule müssen, bleiben die Bäder mittwochs voraussichtlich geschlossen. Alternativ wird geprüft, an diesem Tag Zeitpersonal einzusetzen. Sportsenator Klaus Böger, der sich anfangs skeptisch gezeigt hatte, sprach gestern von "einer vernünftigen Lösung im Interesse der Berliner Badegäste".

Wie berichtet, hatte die geplante Schließung von zunächst acht Sommerbädern in der Bevölkerung zu heftigen Protesten geführt. Parallel zu dem jetzt gewählten Azubi-Konzept hatten die Bäder-Betriebe die Anlagen zur privaten Bewirtschaftung ausgeschrieben. Für die Mehrzahl gab es nach Angaben des Firmensprechers jedoch keine qualifizierten Bewerbungen sondern lediglich Interessenten, die "eine schnelle Mark" machen wollten, ohne selbst zu investieren. Außerdem bestanden auch hier haftungsrechtliche Bedenken.

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