Freiluftbühne Berlin-Weißensee öffnet : Früher Puhdys und Karat, heute Bonnie und Clyde

Einst rockten Pudhys und Karat die Freilichtbühne Weißensee. Dann wurde sie zum kostspieligen Problemkind. Filmliebhaber wollen es nun aufpäppeln - und zeigen so manchen Defa-Klassiker.

Vinzenz Greiner
Film ab. Sieht mit dem hellen  Dach ein bisschen so aus wie die Waldbühne, steht aber in Weißensee. Heute läuft hier ein Klassiker aus den 20er Jahren.
Film ab. Sieht mit dem hellen  Dach ein bisschen so aus wie die Waldbühne, steht aber in Weißensee. Heute läuft hier ein Klassiker...Foto: Imago

Zwischen den Bäumen am Ufer des Weißen Sees verbirgt sich eine „riskante Einrichtung“. So nennt das Bezirksamt Pankow die Freilichtbühne Weißensee, deren letzte Betreiber gescheitert sind. Nun haben ein paar Berliner allen Mut zusammengenommen und die Spielstätte wieder eröffnet. An diesem Wochenende steht die Einweihung der Großen Bühne an, die schon Größen wie Helge Schneider oder Nina Hagen betreten haben.

Dort wird am heutigen Sonnabend ein Klassiker aus den 20er Jahren gezeigt: „Stummfilmkonzert: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“.

Volkmar Ernst gehört zu den „Freunden der Freilichtbühne Weißensee“ – einem neunköpfigen Verein, der sich gegründet hat, um die Freilichtbühne zu betreiben. Die Idee kam spontan, dann ging alles ganz schnell. Beim Amtsgericht ist der Verein am ersten Freilichtkino-Tag noch nicht einmal eingetragen. Den Pachtvertrag für drei Jahre haben zwei Bühnen-Freunde als Privatpersonen unterschrieben.

„Das sind ja alles bekannte Menschen, die sich schon vorher um die Bühne verdient gemacht haben“, sagt Christine Keil. Die Pankower Bezirksstadträtin (Linke) ist zuständig für die Freilichtbühne Weißensee.

"Gewinn ist nicht drin"

Seit 2004 war es die K&K Kino und Konzerte GmbH, die auch den Kinobetrieb im Babylon verantwortet. Die hatte vor allem mit den Lärmschutzauflagen zu kämpfen. Im Jahr 2005 hatten sich Anwohner mit einer Klage durchsetzt – seither gelten Einschränkungen. Auf der Großen Bühne mit dem Zeltdach dürfen nur noch zehn Veranstaltungen pro Sommersaison stattfinden – für maximal 1000 Zuschauer. Als der Betrieb nach und nach einschlief, startete das Bezirksamt einen Aufruf. Nur ein Interessent meldete sich im September 2012 – und dessen Konzept ließ sich nicht umsetzen.

Die Filmcrew. Hansi Oostinger, Robert Haag, Vinh Lai und Volkmar Ernst (v.l.) gehören zu den neun Freunden der Filmbühne.
Die Filmcrew. Hansi Oostinger, Robert Haag, Vinh Lai und Volkmar Ernst (v.l.) gehören zu den neun Freunden der Filmbühne.Alicia Epp

„Der Lärm kann schon ein Problem sein“, sagt Kerstin Risse, die in der nahe gelegenen Parkstraße wohnt. Beschweren würden sich aber nur die „Zujezogenen“, meint Andreas Spremberg, der gegenüber der Bühne sein Auto putzt. „Ich bin jedenfalls froh, dass die Bühne jetzt genutzt wird und keine Jugendlichen da drüben grillen und Bänke anzünden“, sagt der 45-Jährige. Die Bühne ist denkmalgeschützt – was wiederum ein weiteres Manko für Betreiber darstellt. „Es sind keine größeren Baumaßnahmen möglich; auch weil die Bühne im Wald liegt“, erklärt Stadträtin Keil. Und: „Gewinn ist nicht drin. Man muss also wirklich ein Enthusiast sein, wenn man diese Bühne betreiben will.“

Filme auf 35 Milimeter

Auch wenn es möglich wäre: Einen dicken Gewinn könnten die „Freunde der Freilichtbühne“ als eingetragener Verein ohnehin nicht verbuchen. Aber darum geht es Ernst und seiner Gruppe auch nicht. Sie wollen „das Filmerbe pflegen“, sagt der Archivar und Filmrestaurator. Die Filme werden auf der Leinwand hinter der Großen Bühne gezeigt, die aus Lärmschutzgründen gen See ausgerichtet ist. Deshalb hat die Gruppe auch Geld in die Hand genommen und ein Gerät gekauft, das nach und nach die Lautstärke ab 22 Uhr herunterdimmt.

An der Freilichtbühne soll es keine digitalen Blockbuster geben, sondern Filme auf 35 Millimeter, „die nicht ausverkauft sind“. „Wir setzen ein Statement, dass wir eben anders arbeiten“, sagt der 37-jährige Ernst, der im Filmmuseum Kinemathek arbeitet.

Alle neun Leute sind Film- und Kinomenschen. Jeder von ihnen bringe etwas anderes mit, wovon die Bühne profitiere, sagt Ernst. In einem Bauwagen am Rand des Innenhofs befüllt Robert Haag den Filmprojektor. Er war das erste Mal vor zehn Jahren hier an der Bühne. „Ich mag, dass es hier so weitläufig und im Grünen ist“, sagt Haag ruhig. Als Filmvorführer steht Behutsamkeit in der Job-Beschreibung. Zelluloid ist ein empfindliches Material. Eines aus einer vergangene Zeit – wie die Bühne auch.

Eher gediegen als Kino à la Friedrichshain

1955 wurde die Bühne eröffnet. Am 1. Mai, erinnert sich eine 83-jährige Anwohnerin, habe es immer kostenlose Konzerte gegeben. Später, als die Konzerte rockiger und lauter wurden, habe man „es unter den Fußsohlen gespürt“, wenn wieder was los war, sagt sie. Anknüpfen an die Zeit, als Karat, Silly oder die Puhdys den Weißen See rockten, wollen die Freunde der Freilichtbühne nicht. „Da müsste man ja einen teuren Lärmwall aufschütten und das passt nicht hierher“, sagt Volkmar Ernst. Aber sie können der Geschichte Rechnung tragen.

Ein Mal pro Woche tun sie das mit dem Defa-Donnerstag, an dem DDR-Klassiker gespielt werden. „Der Himmel über Berlin“ und „Bonnie und Clyde“ im Original mit Untertitel sind aber auch im Programm, das die neun Vereinsmitglieder gemeinsam geplant haben. Es soll zu Berlin passen, und zum Pankower Ortsteil Weißensee.

In der DDR Großgewordene, Filmliebhaber, aber auch Kinder sollen sich hier wohlfühlen. So gibt es im Sommer mehrmals Kinderbuchlesungen und Nachmittagskino – auch für die Kleinen von der Kita nebenan. Für Fußballfans soll es auch Public Viewing zur WM geben. Aber eher gediegen, sagt Ernst. „Wir wollen nicht wie das Freilichtkino im Volkspark Friedrichshain sein.“

Stummfilmkonzert: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, Beginn: 21.15 Uhr; Abendkasse: 13 Euro. Mehr unter www.freilichtbuehne-weissensee.de

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