Freiräume in der Stadt : Brachen für alle!

Die Freiheit der Fläche wird in der Berliner Politik nicht geschätzt – dabei könnte man sich hier etwas trauen. Statt alles zuzubauen, sollten Aktionsräume bewahrt werden. Die Bürger haben die besten Ideen für kreative Zwischennutzungen.

von
Nicht Ost-, nicht West-, sondern Rest-Berlin. Seit 20 Jahren wird Berlin abgerissen, aufgebaut, saniert, neu erfunden. Mit jedem Bauvorhaben verschwinden Brachen, Baulücken, Brandwände, schmucklose Alt- und Plattenbauten, die über Jahrzehnte das Stadtbild geprägt haben. Der Architekturfotograf Andreas Muhs (www.muhs.de) dokumentiert seit 2009 in der Serie "Rest-Berlin" diese Orte und Symbole. Mitte, Rosenthaler Straße, 2010.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Andreas Muhs
18.01.2011 11:14Nicht Ost-, nicht West-, sondern Rest-Berlin. Seit 20 Jahren wird Berlin abgerissen, aufgebaut, saniert, neu erfunden. Mit jedem...

Berlin wird normal. Das ist nicht gut so. Der Stadt kommen langsam die Brachen abhanden – die Leerflächen und Ruinen, die Investoren zum Rechnen bringen, Träumer aber zum Experimentieren und zum Machen. Oder zum Da-Sein. Brachen, Ruinen, zweckentleerte Großgebäude sind die Freiräume der Freigeister.

Von diesen und den Ideen, die sie provozieren, hat Berlin viel gehabt. Dass etwa Kreuzberg wurde, was es ist, war leeren Großgebäuden zu verdanken. In den späten Sechzigern hat es begonnen, es prägt den Stadtteil bis heute. In Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain sind Brachen, Ruinen, leere Altbauten nach dem Mauerfall zweckentfremdet und mit Fantasie bewohnt worden. Die Normalität, die aus bebauten Grundstücken und geordneten Verhältnissen besteht, war natürlich stärker.

Ob sie der Stadt aber immer nur nutzt, darüber kann man streiten. Klar: Brachen mitten in der Stadt sind Grundstücks- und Baugeschäfte ohne Abschluss. In der Hartz-IV-Metropole kann niemand, der Steuern zahlt, etwas gegen die Ansiedlung von ein paar mehr Steuerzahlern haben. Es geht auch nicht darum, jeden Kommerzbau schlechtzumachen. Aber: Den Bürgermeistern, Baustadträten und Stadtentwicklungsbeamten darf man Brachen nicht überlassen. Dann kommt es zu langen Verfahren und Lösungen nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Eine Berliner Premiumbrache ist zum "Snackpoint Charlie" geworden
Das lässt sich an zwei Premium-Brachen zeigen. Erstens: der Checkpoint Charlie. Machen wir es kurz – es tut zu weh, sich hier in einer Stilkritik zu verlieren. Als es das Café Adler dort noch gab und eine Brandwand, auf der aus DDR-Zeiten die Werbung für die Zeitung „Neue Zeit“ zu lesen war, hatte der Ort Atmosphäre; seine Bedeutung im Kalten Krieg war zu erahnen. Dann kam die Zeit der historischen Fotos auf einem Bauzaun. Das war interessant. Der Zaun ist zur Hälfte abgebaut zugunsten eines Ensembles der Imbisse. „Snackpoint Charlie“ haben sie im Radio gehöhnt. Irgendwann kommt das Geschäftshaus mit dem Untermieter „Museum des Kalten Krieges“. Vom Ort zum Unort – weil das Land in den 90er Jahren bestimmte Grundstücke nicht kaufen wollte, und sei es, um sie erst mal leerstehen zu lassen.

Dem großen Platz an der Schlossfreiheit ist es nur vom Bedeutungs-Wumm her besser gegangen. Der Hohlraum mitten in der Stadt war eine Art ungesponsortes BMW- Guggenheim-Lab, an dem man bestens über Berlin grübeln, nachdenken, reden konnte. Manche Leute haben das gemacht. Gelegentlich stand auf dem Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals am Samstag morgen eine leere Sektflasche aus der Nacht zuvor. Okay, das Gelände gehört dem Bund – und der macht eben Staatsästhetik. Immerhin zeigt die Humboldt-Box, was gehen kann an so einem Ort: nomadische Architektur, der zweite temporäre Raum nach der Kunsthalle. Schön wäre es, käme das Pseudo- Schloss erst im Jahr 2200.

Politiker lieben es zu bauen. Wer baut, der bleibt. Brachen wie die an der Schlossfreiheit können nicht bleiben – was sollen denn die Leute denken? Manchmal aber ist es nicht falsch, Politiker am Planen und Grundsteinlegen zu hindern. Denn das, was Städte spannend macht, entwickelt sich ohne Plan. Dann ist jeder Zeitgewinn mehr wert als ein Geldgewinn. Berlin hätte einen spannenden Aktionsraum mehr behalten, stünde das olle, zurückgebaute Palastskelett noch.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben