Berlin : Freispruch und kostenlose Werbung für Verleger - Buch gut verkauft

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Matthias Oehme hatte sich eigentlich auf einen langen Prozess eingestellt. Zu sehr wirkte der Vorwurf der "Beihilfe zum Geheimnisverrat" wie eine Racheaktion des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Oehme hatte in seinem Verlag "Das Neue Berlin" die Memoiren des Überläufers Hansjoachim Tiedge verlegt. Draufhin hatte der Verfassungsschutz Anzeige gegen seinen ehemaligen Mitarbeiter und dessen Verleger erstattet; der Prozess war auf mehrere Verhandlungstage angesetzt worden. Am gestrigen Donnerstag nun sprach das Landgericht den 45-Jährigen und seine Geschäftspartnerin Jacqueline Kühne kurzerhand am zweiten Verhandlungstag frei.

"Wir sind ausgesprochen überrascht worden", sagt der Verleger. Drei Zeugen des Verfassungsschutzes hatte das Gericht gestern geladen. Aber schon zur Eröffnung ließ die Richterin wenig Zweifel daran, dass die Geheimdienst-Zeugen nur noch der Vollständigkeit halber gehört werden sollten: Das Gericht sehe die wesentlichen Punkte der Strafbarkeit nicht, so die Richterin. Als die Verfassungsschützer an vielen Punkten keine Aussagen machen konnten, war der Freispruch nur noch Formsache.

Allerdings legitimierte das Gericht nicht die prinzipielle Veröffentlichung der Memoiren des ehemaligen Abteilungsleiter für DDR-Spionage, der 1985 in den Osten übergelaufen war. Der Vorwurf des Geheimnisverrats treffe deshalb nicht zu, weil Unbekannte das Manuskript des Textes bereits vor der Buchveröffentlichung ins Internet gestellt hatten. Dadurch seien Klarnamen von Agenten und pikante Details über Sexspielchen der Geheimdienstler bereits vorab bekannt gewesen. Am Ende forderte sogar die Staatsanwaltschaft einen Freispruch - in der Anklageschrift hatten die Strafverfolger noch von der "Verletzung vitaler Geheimhaltungsinteressen des Amtes gesprochen". Verleger Oehme, der mittlerweile fast alle seiner 10 000 Exemplare verkauft hat, fand das ganze Verfahren jedenfalls reilich absurd: "Kein Mensch hätte so viele Bücher gekauft, wenn der Verfassungsschutz nicht eine solche Publicity gemacht hätte."

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