Berlin : Freitod: Polizist erschoss sich mit Dienstwaffe

Werner Schmidt

Ein 53 Jahre alter Polizist hat sich mit seiner Dienstwaffe erschossen. Der tödliche Vorfall, der bereits am 3. November stattfand, wurde erst gestern durch eine Mitteilung der Sprecherin der Kritischen Polizisten, Bianca Müller bekannt. Müller warf der Behörde vor, die Hintergründe des Freitodes zu verharmlosen. Während die Polizei angegeben habe, der Tod habe "keine dienstlichen Gründe", sähen Kollegen und Angehörige dies anders. Die Polizeiführung wies die Vorwürfe zurück und leitete ein Strafverfahren wegen Rufmordes gegen Müller ein.

Bianca Müller sagte, dass für den Polizeibeamten die "Probleme auf der Dienststelle" im August begannen, nachdem dort ein neuer Referatsleiter seinen Dienst aufgenommen hatte. Dieser Beamte im Rang eines Polizeidirektors stand bereits vor einigen Jahren mit einem umstrittenen Fall in Zusammenhang. Damals hatte sich die aus Bayern stammende Polizistin Stefanie L. im Haus ihrer Eltern mit ihrer Dienstwaffe getötet, weil sie sich gemobbt fühlte. Schwere Vorwürfe erheben bis heute ihre Eltern. Als Reaktion auf diese Verzweiflungstat und die vorgebrachten Vorwürfe hatte die Polizeiführung die Mobbing-Kommission ins Leben gerufen, die diesen Fall allerdings nicht als Mobbing einstufte.

Von der Dienststelle in der Direktion 4, auf der auch der 53-jährige Beamte seinen Dienst versah, haben sich nach Auskunft von Bianca Müller weitere vier Beamte (zwei Frauen und zwei Männer) über Mobbing beklagt. Allerdings seien ihre Beschwerden von der inzwischen in Konflikt-Kommission umbenannten Mobbing-Kommission nicht zur Kenntnis genommen worden. Das Mobbing-Verhalten habe bei allen Betroffenen ähnlich ausgesehen. Die Arbeit der Beamten, die über eine langjährige Diensterfahrung verfügten, sei plötzlich massiver Kritik ausgesetzt gewesen. Die Beamten seien dann mit einer Aufgabenfülle "zugeschüttet worden, die sie unmöglich schaffen konnten", sagte Bianca Müller.

In einer Erklärung der Polizeipressestelle heißt es dagegen, Müller missbrauche das "Problemfeld Mobbing". Die Polizei sprach von einer "vordergründigen Kampagne". Warum der Fall bis gestern verschwiegen wurde, ist noch unklar. Das Motiv für die Selbsttötung des Beamten ist bisher auch für viele Kollegen rätselhaft. Familiäre Probleme seien ebensowenig bekannt gewesen, wie dienstliche, hieß es. Zuletzt war der Mann zuständig für die Parkraumbewirtschaftung in Steglitz. Die Vorwürfe gegen den Vorgesetzten des 53-Jährigen seien unzutreffend, sagte ein Mitglied des Personalrats.

Der von Bianca Müller beschuldigte Polizeidirektor habe durch eine Versetzung seines Mitarbeiters sogar zu dessen dienstlicher Zufriedenheit beigetragen. Dafür sei ihm auch von der Frau des Mannes gedankt worden. Bei den Kollegen sei der 53-Jährige allseits beliebt gewesen. Er habe sich aber oft über die schleppenden Verwaltungsgänge im Bezirksamt Steglitz beklagt. Allerdings wurden in der Polizei psychische Probleme und ein Hang zum Perfektionismus als Grund für die Verzweiflungstat nicht ausgeschlossen.

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