Berlin : Freiwilligen-Tag: Hunderte packten mit an - freiwillig

Amory Burchard

Josephine knüpft einen Knoten in das rote Seidenband, schlägt dann die Enden übereinander und fixiert das Ganze mit einer kleinen goldenen Sicherheitsnadel. Fertig ist die erste Aids-Schleife, die am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, gegen eine Spende verteilt werden soll. Die 17-jährige Spandauer Abiturientin und ihre Freundin Katharina sind gestern Mittag zur Berliner Aids-Hilfe in die Meinekestraße gekommen - um zu helfen. "Meine ältere Schwester hat schon öfter Schleifen verteilt", sagt Josephine Hartmann, "aber ich hatte immer eine Ausrede." Am Ersten Berliner Freiwilligen-Tag wollte sie endlich aktiv werden.

Hunderte Berliner dachten genauso und machten sich gestern auf den Weg in eine von 22 sozialen Einrichtungen, die Mitmach-Aktivitäten anboten: Sie konnten mit der Arbeiterwohlfahrt in Kreuzberg den Kiez aufräumen, das Bürgerzentrum Pfefferwerk renovieren, im Evangelischen Krankenhaus Herzberge im Garten arbeiten - oder im Wilmersdorfer Eine-Welt-Laden A Janela beim fairen Handel helfen. Allein unter engagierten Frauen stand dort Rudolf Cames auf einer Leiter und baute ein Regal. "Ich kaufe seit Jahren Tee aus der Tee-Kampagne und dachte, das kann doch nicht alles sein", sagte der Chemielaborant. Im Internet stieß er auf den Freiwilligen-Tag und das Mitmach-Projekt im Weltladen, und fand damit einen Ort für sein Engagement.

Den Architekten Sigit Atmadi konnte man gleich zwei Mal treffen - im Ronald-McDonald-Haus, einem Wohnhaus für Eltern schwerstkranker Kinder, und bei der Aids-Hilfe. Morgens um zehn fuhr Atmadi für die Berliner Tafel Brot und Kuchen aus, als Begleiter eines erfahrenen Ehrenamtlichen. Das Weddinger Eltern-Wohnhaus bekam Bienenstich - als Verpflegung für die ehrenamtlichen Helfer. "Ich suche ein Ehrenamt, bei dem man direkt das Ergebnis sieht", sagt der Architekt. Essen an Bedürftige zu verteilen ist da genau das Richtige. Im Ronald-McDonald-Haus war Thorsten Klein am Staubsauger im Einsatz. "Hausputz" lautete dort die Aufgabe. Der Berufssoldat aus Kiel und seine Frau leben seit drei Monaten in dem Haus, um in der Nähe ihrer elf Monate alten Tochter sein zu können. Sie wird wegen eines schweren Immundefektes im Virchow-Klinikum der Chartié behandelt. Wie könnten ihm Ehrenamtliche helfen? "Die meisten Eltern", sagt Klein, "sehen in Berlin nichts als das Krankenhaus." Es wäre wunderbar, wenn Berliner ihm und seiner Frau ein bisschen die Stadt zeigen könnten.

Bei der Aids-Hilfe war Ehrenamts-Managerin Anette Lahn begeistert vom Zuspruch für ihr Projekt. Allein in der ersten Stunde kam ein gutes Dutzend Helfer zum Schleifenknüpfen. Ohne die 180 Ehrenamtlichen, sagt die Managerin, wäre die Aids-Hilfe nur eine kompetente Beratungsstelle. Mit den Freiwilligen könne sie viel mehr anbieten, darunter Besuche im Krankenhaus und emotionale Begleitung.

Das große Interesse am Freiwilligen-Tag und die gute Stimmung in den Projekten, sagt Elfi Witten, Sprecherin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, habe gezeigt: "Wenn man das Richtige anbietet, kommen die Leute." Sie hofft, dass der Erste Berliner Freiwilligen-Tag Schule macht. Mehrere hundertausend Menschen in Berlin üben in sozialen Einrichtungen und Sportvereinen schon ein Ehrenamt aus. Allein bei den Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Wohlfahrtsverband sind es rund 20 000.

Bundesweit soll etwa ein Drittel der Bevölkerung ehrenamtlich aktiv sein, ein weiteres Drittel ist Umfragen zufolge bereit, sich für andere zu engagieren. Der Treffpunkt Hilfsbereitschaft und der Paritätische Wohlfahrtsverband, die den Freiwilligen-Tag gemeinsam organisiert haben, wollen in Zukunft mehr "niedrigschwellige" Einsatzmöglichkeiten für Helferinnen und Helfer bereithalten. Gestern machten auch Prominente vor, dass es geht: Die ehemalige Präsidentin des Abgeordnetenhauses Hanna-Renate Laurien verteilte im Bahnhof Zoo Äpfel und warb für die Mithilfe bei der Bahnhofsmission. Und Justizsenator Wolfgang Wieland schnitt beim Brunch, zu dem der Paritätischen Wohlfahrtsverband Heimbewohner eingeladen hatte, Tomaten für den Salat.

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