Berlin : Freiwilliges Diktat

In den meisten Bundesländern ist der Schulklassiker nicht mehr Pflicht. Bald sollen auch in Berlin die Lehrer selbst entscheiden

Claudia Keller

Nur noch fünf Bundesländer schreiben ihren Grundschullehrern vor, dass sie mit ihren Schülern Diktate schreiben müssen – einschließlich Berlin. Das soll sich jetzt ändern: Die Entwürfe für die neue Grundschulverordnung schreiben Diktate für die Klassen 7 bis 10 nicht mehr verbindlich vor. Bisher mussten die Schüler sechs bis acht Diktate pro Jahr schreiben. Stattdessen soll künftig in allen Fächern bei den Klassenarbeiten stärker auf die Rechtschreibung geachtet werden.

Die Industrie- und Handelskammer und die Berliner CDU sind skeptisch, dass die Abschaffung der Diktatpflicht eine gute Idee ist. Schon jetzt beklagen sich Personalchefs über die katastrophalen orthographischen Kenntnisse der Schulabgänger. Die Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin von der Humboldt-Universität begrüßt das Vorhaben der Schulverwaltung. Sie gehört zum internationalen Forscher-Team, das vor drei Jahren die Lese- und Rechtschreibfähigkeit von Viertklässlern in Europa verglichen hat. Ein Drittel der Zeit des Deutschunterrichts, so viel wie nirgendwo sonst, verwenden die Deutschlehrer hierzulande auf die Einübung der Orthographie. Angesichts dessen sei das, was dabei herauskomme, „nicht befriedigend“, schreiben die Forscher. Für Renate Valtin sind die Diktate sogar schuld daran, dass die deutschen Schüler so viele Fehler machen. „Beim Diktatschreiben wird nur das Auswendiglernen einzelner Wörter trainiert“, sagt auch der Sprecher des Bayerischen Kultusministeriums. Sinnvoller sei aber, die Logik dahinter zu vermitteln. Bayern habe gute Erfahrungen mit der Abschaffung der Diktatpflicht gemacht. Beim IGLU-Test schnitten die bayerischen Kinder bei der Orthographie bundesweit am besten ab.

Auch Baden-Württemberg, Hamburg und Hessen haben die Pflicht abgeschafft, trotzdem nehmen die Lehrer ihre Klassen noch regelmäßig ins Diktat. „Das ist ein gutes Hörtraining“, sagt der Sprecher des Kulturministeriums in Baden-Württemberg.

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