Berlin : Fremde Freunde

Seit Kriegsbeginn werden manche Amerikaner in Berlin offen beschimpft. Einige bekommen täglich hasserfüllte Schreiben von Deutschen, andere zerstreiten sich mit Bekannten. Für die Friedensdemonstrationen, die täglich mehr Zulauf bekommen, haben die meisten US-Bürger nur wenig Verständnis

Lars von Törne

Die E-Mails, die Jeff Gedmin jeden Tag an seinem Schreibtisch im Aspen-Institut erhält, sind voller Hass. „Stoppt diesen geisteskranken Hurensohn Bush und seine jüdischen Schergen“, schreibt da jemand. „Mit Ihrem brutalen Land, das sich von einem Geisteskranken führen lässt, wollen wir keine Kontakte“, steht in einem anderen Brief. Und in einem dritten fordert eine Frau den Amerikaner Jeff Gedmin direkt auf, Deutschland zu verlassen: „You are not welcome here.“ Seit Kriegsbeginn erhält Jeff Gedmin täglich Dutzende solcher E-Mails. Viele Schreiber beschimpfen den Direktor des transatlantischen Instituts persönlich, werfen ihm seine pro-amerikanischen Stellungnahmen in Zeitungen oder Fernsehsendungen vor.

Wie viele andere Amerikaner in Berlin ist auch Jeff Gedmin enttäuscht über die Reaktionen vieler Deutscher auf den Krieg im Irak. „Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass junge Leute für den Frieden auf die Straße gehen, auch wenn ich es für naiv und gefährlich halte“, sagt Gedmin. Mit einem Pazifisten, der seit Tagen in Mitte vor der US-Botschaft demonstriert, hat sich der Institutsdirektor am Wochenende sogar so gut unterhalten, dass sich die beiden demnächst mal auf einen Kaffee treffen wollen. Auch in seinem Institut diskutiert er täglich mit Gegnern der US-Politik. Aber die pauschale Verdammung aller Amerikaner, die Gedmin seit der vergangenen Woche zunehmend zu spüren bekommt, enttäuscht ihn tief.

Bei Don F. Jordan hat die Kontroverse über den Krieg bereits Freundschaften mit Deutschen in Mitleidenschaft gezogen. „Ich bin tolerant – aber Freunde, die Rot-Grün gewählt haben und keine Einsicht haben, wie gefährlich deren Politik für die transatlantischen Beziehungen ist, kann ich kaum noch ertragen“, sagt der freie Journalist. Die Deutschen, die gegen den Krieg demonstrieren oder die US-Politik einseitig verurteilen, hält Jordan für moralisch, besserwisserisch und undankbar: „Wenn ich, wie viele Amerikaner, in meiner Familie jemanden hätte, der vor 60 Jahren für die Freiheit der Deutschen gekämpft hat, dann könnte ich es nicht aushalten, hier noch länger zu bleiben.“

„Mit großer Sorge und Entsetzen“ beobachtet auch der israelisch-amerikanische Journalist Daniel Dagan die Stimmung in Berlin. Zwar erlebt er keine direkte Feindseligkeit gegen seine Person. Dennoch macht ihm die „große Intoleranz“ vieler Deutscher zu schaffen, die gegen die US-Regierung sind, „anstatt gegen ein Regime zu demonstrieren, das Massenvernichtungsmittel einsetzt und lebende Bomben heranzüchtet.“

Auch Amerikaner, die der Bush-Regierung ablehnender gegenüber stehen, fühlen sich durch den Krieg zunehmend von ihrer deutschen Umgebung entfremdet. „Die Deutschen haben ihre Verzweiflung an mir ausgelassen“, sagt der Biologe und Wissenschaftsjournalist Derrick Williams. In den USA würde er in diesen Tagen wohl als Friedensdemonstrant auf die Straße gehen, sagt er. „Aber hier muss ich plötzlich immer die amerikanische Seite vertreten.“ Seit dem Kriegsbeginn sieht sich Williams allerdings weniger kritisiert als vorher. „Alle halten den Atem an und diskutieren nicht mehr so viel über den grundsätzlichen Sinn des Krieges.“

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