• Fremdverschulden? Selbstmord? Ein Unfall? Die Polizei steht vor einem Rätsel Berliner Verbrechen: Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle Der Tote im Schacht

Berlin : Fremdverschulden? Selbstmord? Ein Unfall? Die Polizei steht vor einem Rätsel Berliner Verbrechen: Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle Der Tote im Schacht

Fritze lebte in New Kölln City am Ende der Sonnenallee. Plötzlich war er verschwunden. Zehn Monate lang. Dann macht ein Schornsteinfeger eine Entdeckung.

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Der Leichnam war, soweit erkennbar, skelettiert. Er war bekleidet, wobei keine näheren Angaben zur Bekleidung gemacht werden konnten. Zwischen unterer Metallsprosse und rechtem Mauervorsprung klemmte ein Schuh, ein zweiter befand sich zwischen dem vorderen Mauervorsprung und der linken Mauerseite. Der Leichnam war mit Staub bedeckt. Altersschätzung oder Geschlechtsangabe waren nicht möglich. Eine nähere Besichtigung beziehungsweise Identifizierung an möglicherweise mitgeführten Dokumenten war nicht möglich, da der Leichnam kaum zu erreichen war und das Eintreffen des Gerichtsmediziners abgewartet werden sollte.“

So endet vorläufig, im Bericht der KripoBeamten der Direktion 4, die den Berliner Südwesten bearbeitet, eine Geschichte, die ohne dieses Ende nicht erzählt würde. Der Tote, der kurz darauf identifiziert ist, war „Fritze“, geboren am 8. Mai 1933, vor langer Zeit aus Hanau nach Berlin geraten. Das heißt, nach Neukölln. Fritze gehört zu den „kleinen Leuten“, die höchstens durch einen ungewöhnlichen Tod Aussicht auf eine Polizeimeldung und zwei, drei kleine Artikel haben. Sonst – im Leben nicht!

Dabei war Fritz Schulz eine „Kiezlegende“. Oder zumindest eine „Koma-Legende“. Das „Koma“ ist eine Tag- und Nachtkneipe. „Sonnenallee Ecke Ederstraße – das ist ein extra Kiez!“, sagt der kleine Peter stolz, bevor er sein Bier austrinkt. „New Kölln City heißt das – intern. Wir sind hier zu Hause.“

Fritze war das auch. „Er hat hier seine Freunde und seine Familie gehabt!“, bestätigt der große Peter. „Und hier gelebt.“ Gewohnt auch, drei Häuser weiter. Fast am Ende der Sonnenallee, kurz vor den S-Bahn-Gleisen. Früher war hier auch fast das Ende von West-Berlin. Seit 1994 prangt hinter den Gleisen „Europas größter Convention, Entertainment und Hotel-Complex“, wie sich das Hotel Estrel in bescheidenem Deutsch selbst bewirbt. Ein Glas- und Glitzer-Koloss, der in die Gegend passt wie die Titanic auf den Wannsee.

„Fritze war kein Spritti!“, beharrt der große Peter. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass einer sich voll laufen lässt, grölt und raustorkelt. „Er hat gemütlich sein Bierchen getrunken oder zwei, wie alle andern auch. Und abgequatscht und lustig!“ Er wischt sich den Kopf trocken, schiebt das Basecap wieder drüber und verschwindet auf dem Klo. Es ist heiß vor der Theke im „Koma“, aber nicht ganz so heiß wie draußen. Manu zapft die nächste Runde. „Ein ganz lieber, ruhiger Gast. Hat Karten gespielt oder gewürfelt, über alte Zeiten gesprochen. Ein Spaßmacher. Manchmal auch in sich gekehrt.“ Manu trägt sportlich-bauchfrei, ist aschblond und schlank und ein bisschen die „Seele vom Koma“, die auch hin und wieder mal einem Gast auf die Schulter hauen können und ihn mit Feldwebelstimme nach Hause schicken muss.

Bei Fritze war das nie nötig. „Fritze hat auch immer gleich bezahlt!“ Und weil sie und Fritze am selben Tag Geburtstag haben, wollten sie eigentlich den 8. Mai 2002 feiern. Ihren Vierzigsten. „Ein Salat, bisschen was zum Knabbern hinstellen, gemütlich beisammen sitzen. So. Und Fritze kam nicht!“

„Irmchen -, ich kann mir nichts mehr merken“, sagt Fritze am 7. Mai 2002 zu Irma Jakob. Sie ist seit dreißig Jahren seine engste Freundin, in seinem Alter und wohnt um die Ecke. Irmchen sorgt für Fritze, vor allem seit dem Unfall im Sommer 1987. Da war er angetütert vor ein Auto gelaufen und hatte sechs Wochen lang mit Beckenringfraktur im Urban-Krankenhaus gelegen. Seitdem hatte er eine Metallfixierung an der Lendenwirbelsäule, ständig Schmerzen und immer ein Sortiment Tabletten zur Hand. Irmchen bringt ihn wieder ins Urban. „Im Zustand der Verwirrtheit“, notieren die Ärzte. Er „fabuliert und ist orientierungslos“. Diagnose: Lactat-Acidose. Übersäuerung. Eine Stoffwechselentgleisung. Typisch für Alkoholkranke, die nicht den besten Ernährungszustand haben. Im Urban kennen sie sich aus mit solchen Patienten. Es hat die größte Notaufnahme Europas, spezialisiert auf die medizinischen Bedürfnisse der „kleinen Leute“ mit all ihren Sucht- und Armutserkrankungen. Dirty medicine hieß das früher – im Unterschied zur Hightech-Apparatemedizin –, damals, als Medizinpolitiker noch wissen wollten, dass Medizin auch soziales Handeln ist. Noch früher hat im Urban Dr. Döblin, Alfred, praktiziert, der „Asphaltarzt“ und Schriftsteller, dessen „Asphaltliteratur“ 1933 auf den Nazi-Scheiterhaufen brannte und erst später als Weltliteratur begriffen wurde.

Fritz Schulz, „ein kleines dürres Männchen“, wie der kleine Peter ihn beschreibt, hat mit seinen 69 Jahren mindestens einen Herzinfarkt und viele kleine Hirninfarkte hinter sich, Hirnatrophie, Diabetes und Arteriosklerose, und all das schon lange. Nach zwei Tagen Kochsalz-Infusionen kann er wieder laufen und weiß wieder, wer und wo er ist. Es gibt keinen Grund, ihn im Krankenhaus zu behalten. Im Urban bietet man solchen Patienten Anschlusszeit in einer anderen Klinik an. „Zur weiteren Verbesserung des Krankheitsbildes.“ Durch Bewegungsübungen vielleicht oder Medikamente, damit sie wieder richtig auf die Beine kommen. Und Fritze lässt sich verlegen in „ein kleines Krankenhaus am Rande der Stadt“. So möchte es genannt werden. Ein konfessionelles Krankenhaus, das auf „aufmerksame und menschliche Betreuung“ hält, inmitten einer gepflegten, grünen Villengegend im Südwesten Berlins. Hier trifft man beim Einparken adrette alte Damen, die ihr Auto kurz zum Ausladen auf der Straße anhalten und gleich wieder wegfahren. „Ach, ist mir viel zu schmutzig hier für den Wagen.“ Der Schmutz, den sie meinen, ist Lindensaft. Nach Neukölln würden sie sicher im Taxi fahren.

„Er hat gesagt: Hol mich hier raus! Und ist am ersten Tag geflitzt“, schimpft Irmchen. „Aber da haben sie ihn wieder eingefangen.“ Irmchen schwankt zwischen Schimpfkanonaden und stummer Niedergeschlagenheit. Auch sie ist trinkfest, aber äußerlich proper. Hellblonde, für ihr Alter erstaunlich dichte schöne Locken, die Füße in weißen Söckchen und gesunden Sandalen, auf dem weißen Shirt eine lange Goldkette, an den Händen Ringe.

Am 12. Mai 2002 ist Fritze wieder weg. Abends um halb acht stellt die Schwester sein Fehlen fest, auf null Uhr drei ist die Vermisstenanzeige im Polizeiabschnitt 46 datiert. Die Suche im Haus bleibt erfolglos. Die Anzeige geht routinemäßig zur Kriminalpolizei der Direktion 4 und später zum berlinweit zuständigen LKA 124. „Wir haben eine Geschäftsanweisung“, erläutert Klaus Hornschuch, der stellvertretende Leiter der Vermisstenstelle des LKA, „nach der verbleiben so genannte Erwachsenenvorgänge die ersten zehn Tage in der örtlichen Direktion. Die Kollegen kennen, auf Deutsch gesagt, ihren Kiez besser als wir.“ Man setzt auf Ortsnähe zwischen Gesuchtem und Suchenden, und das hat Räson. Es sei denn, ein Vermisster wird zufällig planetenweit von seinem eigenen Kiez entfernt vermisst gemeldet.

„Erfahrungsgemäß tauchen Vermisste auch meistens innerhalb von zehn Tagen wieder auf oder können ermittelt werden.“ Hornschuch hat viel Erfahrung. Er ist seit zwölf Jahren bei der Vermisstenstelle. Rund 8000 Fälle bearbeiten sie dort jährlich. Im Jahr 2002 gehörten dazu knapp 1300 Kinder und knapp 3000 Jugendliche. Die Aufklärungsrate ist hoch: 98, 99 Prozent. Bei Kindern fast 100. „Es ist ganz, ganz selten, dass wir wirklich nicht weiterkommen“, sagt der 53-jährige Kriminalhauptkommissar. Es klingt nicht triumphal. Denn sie arbeiten „mit Herzblut“, und die Fälle, die an den hundert Prozent fehlen, die tun richtig weh. Bei Kindern und Jugendlichen werden die Beamten auch sofort kriminalistisch aktiv, denn die haben ein Schutzbedürfnis. Bei Erwachsenen kommt es drauf an, ob man von einem Tötungsdelikt ausgehen muss. Sonst gilt der Grundgesetz-Artikel 11, der die Freizügigkeit des Aufenthaltsorts garantiert. Ein hohes Gut. „Ein Erwachsener muss sich nicht von irgendjemandem verabschieden. Wenn er nicht möchte, dass sein nächster Angehöriger weiß, wo er sich hinbegibt, dann ist das sein gutes Recht. Und wir haben als Polizei nicht das Recht, ohne seine Einwilligung den ermittelten Wohnort an die Anzeigenden weiterzugeben.“ Darüber gibt es mit ihm nichts zu diskutieren. Problematisch finden Hornschuch und seine Kollegen dagegen Datenschutzregeln, die ihnen zum Beispiel verbieten, an entlaufene Kids über Handy ranzukommen, anhand von Kontobewegungen zu prüfen, ob und wo ein Vermisster womöglich Geld abgehoben hat, oder mit Hilfe der ohnehin installierten Kameras an Bankautomaten festzustellen, ob es der Gesuchte selbst war. Er also noch lebt.

Im LKA 124 werden alle Vorgänge immer wieder regelmäßig vorgenommen; dort bleiben sie auch, bis jemand – tot oder lebendig – wieder auftaucht, notfalls dreißig Jahre lang. Denn die Vermisstenstelle bearbeitet auch unbekannte Tote und unbekannte hilflose Personen.

Fritz Schulz taucht nicht wieder auf. Im „Koma“ rechnen sie mit dem Schlimmsten. Irmchen, für die schon ein Trip von New Kölln City nach Lichterfelde eine Marsexpedition ist, beschreibt ihr Leben nach dem 12. Mai 2002 mit einem Wort: „Grausam! Aber Fritze war eben ein Kleiner. Der interessiert doch keinen.“

Die Klappe hat erstaunlicherweise auch niemanden interessiert. Sie liegt unter der Treppenschräge eine Etage unter dem Erdgeschoss des Bettenhauses, nahe dem Fahrstuhl und dem Materiallager. Sie ist aus schwerem Metall, 80 mal 86 Zentimeter groß, hat innen und außen eine Klinke und ein Zylinderschloss und fällt selbsttätig zu. Eigentlich muss sie verschlossen sein, und das ist sie auch, als der Bezirksschornsteinfeger am 24. Februar 2003 die jährliche Routinereinigung vornimmt und überprüfen will, ob sich am Boden des Schornsteins, im Revisionsschacht, zu viel Ruß gesammelt hat. Der Schacht geht hinter der Klappe 94 Zentimeter in die Tiefe und endet in einer kleinen Fläche von 95 mal 128 Zentimeter. An der linken Wand sind zwei Rußklappen, an der vorderen und rechten Mauervorsprünge. Die Lampe ist kaputt. Als der Krankenhaustechniker die Tür aufschließt, sieht der Schornsteinfeger auf dem Absatz eine Pillenschachtel. Er leuchtet mit der Taschenlampe hinein und macht eine grausige Entdeckung. Unten am Boden erkennt er ein bizarr zusammengekauertes menschliches Skelett mit langen Haaren. Er verständigt sofort das ärztliche Personal. Nicht, dass ihn der Fund umhaut. „Als Schornsteinfeger ist man gewohnt, in Unrat zu wühlen“, winkt er ab, „dunkle Keller, Dreck, tote Ratten und Katzen. Das ist unser Alltag.“ Eine echte Leiche im Keller, die sieht er aber zum ersten Mal.

Kriminaloberkommissar (KOK) Oliver Nachtweide gehört zu VB I, dem Sofortbearbeitungsteam der Direktion 4, das zu dem „unbekannten Leichnam“ gerufen wird. Auch er vermutet zunächst eine Frau, wegen der langen Haare. Erst die später erkennbare „chromfarbene Metallschraube im Lendenwirbelbereich“ wird die Klinikleute darauf bringen, dass es ihr eigener, seit fast zehn Monaten verschwundener Patient ist. „Das A und O bei unbekannten Toten“, erklärt der 29-jährige KOK, „ist ja erst mal die Identifizierung, und da kamen wir nicht weiter.“ Die skelettierte Leiche hat nicht nur keine Papiere an sich, man kommt auch kaum an sie heran, ohne Spuren zu vernichten oder neue zu legen. Es ist Winter, alle tragen dicke Kleidung, und im Schacht ist es warm. Nachtweide kann nur durch halb akrobatischen Einsatz – „in einer Hand eine Taschenlampe, in der andern die Kamera“ – ein paar „möglichst detaillierte Lichtbilder fertigen“, bevor die Knochen des „kleinen dürren Männchens“ einzeln von Feuerwehrleuten mit Atemschutzmasken nach oben geholt und vom Rechtsmediziner besehen werden. Die zweite wichtige Frage ist noch offen: Wie ist er in diesen Schacht gekommen?

Die Kripobeamten steigen aufs Dach und stellen fest, dass es keine anderen Zugänge gibt. Auch auf Fremdverschulden gibt es keinerlei Hinweis. „Für uns blieb als Vermutung, dass die Klappe offen gewesen sein muss“, fasst Nachtweide zusammen. „Natürlich spielt man gedanklich Szenarien durch. Was genau ist da passiert? Und dann kommt man unweigerlich zu dem Punkt: Wenn er da reingefallen ist, dann muss er fürchterlich gelitten haben die letzten Stunden, vielleicht auch Tage vor seinem Tod.“

An Suizid mag auch der Schornsteinfeger nicht glauben. „Vielleicht war der alte Mann taddelig, ist an diese Klappe gekommen, die vielleicht gerade mal kurz nicht zugeschlossen war, und ist reingekullert und in Panik geraten. Da ist es ja stockfinster.“

Selbstmord vermutet eigentlich nur die Krankenhausleiterin. Ihr ist auch wichtig, dass die Medikamente, die bei dem Toten gefunden wurden, nicht aus ihrem Haus stammen und dass die Klappe seitdem außen keine Klinke mehr, sondern einen Knauf hat. Das Haus hat zur Beerdigung einen Kranz geschickt. „Dass Fritze würdig unter die Erde kommt, dafür hat alleine Irmchen gesorgt!“, sagt der große Peter. „Und wir haben alle jesammelt“, ergänzt Manu, „und ihr das Geld gegeben, dass er einen schönen Kranz kriegt, zum Andenken.“

Sie beerdigen ihn im März im Schneesturm. Den Kranz vom Krankenhaus halten alle hier für „schlechtes Gewissen!“ Aber dass Fritze sich umgebracht haben soll, das finden sie in New Kölln City total gaga. „Das war ein Lebemensch!“, sagt Manu leise. „Er hat zwar nicht viel gehabt, aber er wollte leben.“ Fritze, ist der große Peter sicher, „hätte sich höchstens hier totgesoffen. Nirgendwoanders!“ Es lässt sich wohl nicht mehr eindeutig klären. Ebenso wenig wie die Frage, die auch immer wieder durchs „Koma“ geistert: „Hat denn da zehn Monate lang kein Mensch was gerochen?“

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