FRENCH Connection : Dem Modell ein Herz geben

Solotänzerin Corinne Verdeil vom Staatsballett hat sich Renoir erpuzzelt

Wie finden Franzosen, die in Berlin leben, die schönsten Franzosen aus New York? Wir haben sie gefragt – und stellen Wahlberliner und ihre Lieblingsbilder vor.

Corinne Verdeil tanzt seit 18 Jahren in verschiedenen Compagnien. Solotänzerin des Staatsballetts ist sie jetzt im zehnten Jahr. Sie kommt aus einer Künstlerfamilie und hat zu Hause in Frankreich im Süden gelebt. Nicht weit weg vom Mittelmeer zwischen Marseille und Nizza. Corinne Verdeil, von der Tanzkritiker sagen, dass sie einen pfiffigen französischen Akzent im russisch-lyrischen Staatsballett setzt, liebt die klassischen Partien. Auch in der nächsten Saison tanzt sie wieder „Cinderella“ und „Dornröschen“.

Die Kunstfreundin: Bei mir im Flur in Friedrichshain hängt ein Renoir, den ich gepuzzelt habe. 6000 Teile, Stück für Stück. Puh! Als ich mit 20 Jahren mal mit dem Fuß umgeknickt bin und zwei Wochen nicht tanzen konnte. Das war mein Zeitvertreib. Man braucht viel Geduld, Malerei zu puzzeln, weil die Farben so ineinanderfließen.

Das „Mädchen mit Margeriten“ gefällt mir, weil es zugleich sexy und unschuldig ist. Wie sie da so feminin sitzt mit dem jungen Gesicht und den romantischen Blümchen, könnte sie einfach nur naiv sein. Aber sie ist es nicht: Ich liebe, wie Renoir offen lässt, was sie denkt. Vielleicht ist sie verschlossen oder melancholisch. Wir wissen es nicht. Da ist ein ganz besonderer Kontakt zwischen Maler und Modell. Und den versuche ich beim Tanzen auch mit dem Publikum zu finden. Mir ist Ausdruck und Emotion inzwischen wichtiger als reine technische Perfektion. Und wie Renoir aus dem Nichts diesen gemalten Ausdruck findet, das bewundere ich. Dem Bild oder der Rolle Leben einzuhauchen, ihr ein Herz zu geben, darauf kommt es an. Damit die Menschen etwas mitnehmen, wenn sie nach der Vorstellung oder aus der Galerie nach Hause gehen. Das Leben ist nicht leicht. Am besten, wir versuchen, etwas zu träumen und eine gute Zeit zu haben, wenn wir zusammenkommen.

Das Gemälde: Mit „Mädchen mit Margeriten“ wechselte Auguste Renoir 1889 von streng modellierten Formen zu einer freieren und geschmeidigeren Malweise, die dem impressionistischen Stil seiner Arbeiten aus dem vorherigen Jahrzehnt ähnelt. Anmutige Bürgermädchen, die sich zwischen Alltag und Idylle die Zeit vertreiben, hat er gleich mehrere gemalt. Die Käufer waren begeistert. Und Renoir war der Meinung, dass ein Bild vor allem etwas Hübsches sein solle. Hässliche Dinge gebe es im Leben schließlich genug. (Infos aus dem Katalog)

Aufgezeichnet von Gunda Bartels.

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