Berlin : Freude über den Fall von Kabul

Lena Blaudez

"Afghanistan ist schön." Sehnsuchtsvoll erzählt Trina A. von ihrer Heimat, die sie vor 11 Jahren verlassen musste. Damals hatte ihre Familie keine andere Wahl, als zu fliehen. Es war zu gefährlich geworden. Wenn Trina A. sich morgens von ihren Eltern in die Schule verabschiedete, wusste sie, dass sie nicht sicher damit rechnen konnte, wieder zurückzukommen. "1990 kamen die Raketen auch nach Kabul, es ging nicht mehr. Wir ließen alles stehen und liegen. Unser Haus. Alles." Damals war sie 13. Und hatte einen Bruder, den es nach West-Berlin verschlagen hatte.

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Jetzt, seit der Meldung des Einmarsches der Nordallianz in Kabul, glaubt die heute 25-Jährige an ein Wiedersehen mit ihrer Heimat. "Nun gibt es eine Hoffnung. Ich freue mich mit meinem Mann, wenn wir Bilder der befreiten Stadt sehen. Die Menschen auf den Straßen. Wie sie feiern! Besonders freue ich mich mit den Frauen dort." Frauen, die gefoltert wurden, wenn sie lackierte Fingernägel hatten. Einen Moment lang versagt Trina die Stimme. "Ich sehe im Fernsehen Kinder, die keinen Krieg, sondern eine Kindheit erleben wollen. Doch manchmal kann ich es nicht mehr mit ansehen. Ich kann das seelisch nicht mehr ertragen." Trina lernte ihren Mann, Ajmer A., bei einem Besuch bei Verwandten kennen. Der Afghane, der bisher nur gebrochen Deutsch spricht, lebt jetzt seit vier Monaten in Berlin.

"Er hat das alles erlebt", erzählt die junge Frau, "die Taliban, die Morde. Er sollte als Mechaniker mit den Taliban an die Front." Eine Woche lang sei er auf der Flucht gewesen, durch die Berge. Angetrieben von Angst - bis in den Iran. Ajmers Vater aber konnte und wollte Kabul nicht mehr verlassen. Ajmers Mutter, die Geschwister blieben bei ihm. Ajmer A. arbeitete im Iran, so konnte er seine Familie finanziell unterstützen - und manchmal mit ihr telefonieren. Nach dem 11. September war jeder Kontakt abgebrochen, jede Möglichkeit nach Kabul zu reisen erschien illusorisch.

Das Ehepaar ist auf Radio und Fernsehen angewiesen. Doch das, was sie hören wollen, erfahren sie in den Nachrichtensendungen nicht. "Wir können nur hoffen und beten." Sie tauschen sich mit anderen Familien aus, um etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren. Allen gehe es schlecht, man tröste sich gegenseitig. "Das füreinander da sein, dass ist doch das Einzige, was wir Afghanen noch haben. Besonders die älteren Leute wollen zurück, zumal sie die Sprache nicht beherrschen." Der direkte Briefkontakt ist schon seit Jahren unterbrochen. Aber man konnte Verwandte in Pakistan anschreiben, die den Brief irgendwann mitnahmen - vielleicht, denn das war illegal.

Jetzt geht aus Pakistan niemand nach Kabul. Die letzten Informationen über ihre Familie erhielten sie vor Monaten: Ein Verwandter war über die Berge nach Pakistan geflohen und hat ihnen mitgeteilt, dass es allen gut gehe. "Doch das kann auch ganz anders sein", befürchtet Trina: "Man würde uns nicht sagen, wenn ein Familienmitglied nicht mehr lebt. Weil wir hier doch nichts machen können." So leben Trina A. und ihr Mann in Angst und Sorge. Besonders ihr Mann. "Nachts kann er nicht mehr schlafen. Wenn er Bilder im Fernsehen sieht, von Kindern in Afghanistan .... Immer denkt er daran wie es ihnen dort geht."

Trina und Ajmer A. sind jung, sie mögen sich. Optimismus strahlt aus ihren Augen und Gesten. Doch sie wissen, dass jetzt nur noch die in Kabul wohnen, die kein Geld zur Flucht haben. "Zerstörte Städte kann man aufbauen. Aber wenn Menschen sterben, Kinder ... Die Krankenhäuser sind zerstört, es gibt keine Medizin."

Wenn es dort auch für Frauen sicherer sein wird, will Trina zurück. Sie will in Afghanistan als Arzthelferin arbeiten, wie sie es in Berlin schon seit Jahren bei einem Internisten tut. "Wir sind Deutsche", sagt sie, "tagsüber. Abends, in der Familie, fühlen wir afghanisch." Trina A. lacht ihren Mann an. Und er strahlt zurück. "Bis vor zwei Monaten haben mich Leute gefragt, wo denn dieses Afghanistan liegt. Heute wage ich kaum noch zu sagen, woher ich komme. Dann fangen immer gleich die Diskussionen an - als hätte es vor den Taliban kein Leben in Afghanistan gegeben."

Wie zum Gegenbeweis zeigt sie Fotos: Frauen ohne Kopfbedeckung, in schön eingerichteten Räumen, lachende Kinder, Männer im Gespräch unter einem Baum. Auch das war Afghanistan, noch vor ein paar Jahren. Wird es bald wieder so sein? Sie lacht und ihre Augen blitzen: "Afghanistan, das arme Land - das schöne Land."

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