• Freudenberg-Areal in Berlin-Friedrichshain: „Unsere Geschichte wird in Zement gegossen“

Freudenberg-Areal in Berlin-Friedrichshain : „Unsere Geschichte wird in Zement gegossen“

In Friedrichshain entsteht ein neues Quartier. Einst wurde hier ein jüdischer Fabrikant vertrieben – er floh aus Berlin. Sein Enkel erinnert zum Richtfest daran.

Jana Weiss
Auf dem ehemaligen Freudenberg-Areal sollen Wohnungen gebaut werden. Das befindet sich zwischen Boxhagener Straße, Holteistraße und Weserstraße.Alle Bilder anzeigen
Foto: Kai-Uwe Heinrich
01.12.2012 15:12Auf dem ehemaligen Freudenberg-Areal sollen Wohnungen gebaut werden. Das befindet sich zwischen Boxhagener Straße, Holteistraße...

Am Montag wurde ein besonderes Richtfest gefeiert für ein neues kleines Stadtquartier. Auf dem Freudenberg-Areal in der Boxhagener Straße in Friedrichshain entstehen Wohnungen, ein Park und eine Kita. Das Grundstück hat eine lange Geschichte. 1895 eröffnete der jüdische Unternehmer Siegfried Hirschmann hier seine erste eigene Fabrik, aus der die Deutschen Kabelwerke hervorgingen. Nach der Machtergreifung drängten die Nationalsozialisten die Familie Hirschmann aus dem Unternehmen. Der Firmengründer floh nach Guatemala, das Lebenswerk der Familie wurde durch den Krieg zerstört. Der Park des heutigen Wohnungsprojektes wird den Namen Hirschmanns tragen. Der 79-jährige Enkel des Firmengründers, Tomas Simon Hirschmann, lebt heute in Guatemala. Für das Richtfest ist er mit seiner Familie nach Berlin gekommen. Wir haben mit ihm über das Erbe gesprochen.

Thomas Simon Hirschmann.
Thomas Simon Hirschmann.Foto: Promo

Herr Hirschmann, wie fühlt es sich an, in die Heimat Ihrer vertriebenen Großeltern zurückzukehren?

Ich fühle mich als Berliner und bin regelmäßig hier. Meine Eltern und meine Großeltern nahmen die Berliner Lebensart mit – und obwohl wir tausende Kilometer entfernt leben, wissen wir in unseren Herzen, wie nahe uns noch Berlin ist. Wenn ich hier bin, kommen immer auch Gefühle hoch. Dass der Park nach meinem Großvater benannt wird, ist eine bedeutende Sache, weil er so in der Stadt verewigt wird, in der er so gerne lebte.

Was wissen Sie über Ihren Großvater?

Mein Großvater starb, als ich vier Jahre alt war. Vieles was ich über ihn und das Unternehmen weiß, habe ich durch meine Recherchen in Erfahrung gebracht. Mehr als 15 Jahre habe ich damit verbracht, Dokumente unserer Familiengeschichte in Guatemala, Deutschland und England zu finden. Ich habe zum Beispiel die alten Briefe meines Großvaters an meine Eltern gefunden, die bereits 1936, also vor meinen Großeltern, nach Guatemala emigriert sind.

Was erzählen die Briefe über die Vertreibung Ihrer Großeltern?

Am Anfang betonten meine Großeltern oft, dass wir uns keine Sorgen machen sollen und dass sie noch in Berlin leben können. Aber die Situation wurde immer schlechter. Irgendwann haben sie uns geschrieben, dass sie nicht mehr wissen, wohin das führt. Erst nach der Reichspogromnacht baten sie meine Eltern, ihnen ein Visum in Guatemala zu organisieren. Im August 1939 sind sie ausgereist. Mein Großvater verlor sein Lebenswerk und war danach ein gebrochener Mann.

Jetzt entsteht auf dem Grundstück ein Wohnungsprojekt. Was denken Sie darüber?

Ich glaube; meine Eltern und Großeltern lächeln irgendwo von oben und haben damit ihren Frieden gemacht. Trotz des Unrechts, das uns in der Vergangenheit geschehen ist, schließt sich der Kreis der Geschichte und symbolisiert so die Rückkehr von diesem Flecken Erde zu einem guten Zweck. Unsere Geschichte, die hier vor 120 Jahren begann, wird hier im wahrsten Sinne des Wortes in Zement gegossen. Die Vergangenheit und der Schmerz sind vergeben, aber sie sollen und dürfen niemals vergessen werden.

Das Gespräch mit Tomas Simon Hirschmann führte Ann-Kathrin Hipp. Der Berliner SPD-Abgeordnete Sven Heinemann hat gemeinsam mit Timon Henze ein Buch über die historische Entwicklung des Boxhagener Grundstücks verfasst, in der er auch die Geschichte der Familie Hirschmann beschreibt. Mehr dazu lesen Sie am Donnerstag im Leute-Newsletter Friedrichshain-Kreuzberg.

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