Berlin : Freudenböller im Bahnhof

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Nur vor dem heimischen Fernseher war es den Türken und den Afrikanern in Berlin dann doch zu langweilig. Doch was ist die Alternative zum geschlossenen Sony-Center? Die Senegalesen haben in der Oranienstraße ihre Oase – das Café „Sunugaal“. Und die Türken?

Bei einigen türkischen Mitbürgern sprach sich gestern erst vor Ort herum, dass das Sony-Center geschlossen war. Entsetzt sah zum Beispiel die Familie Bingör, dass an ihrem Ziel am Potsdamer Platz die Leinwand schwarz verhüllt war. Wohin nun, um 13.15 Uhr, eine Viertelstunde vor dem Anpfiff? „Zum Reichstag“, lautete der Tipp der Sony-Ordner. Die fünfköpfige Familie Bingör, alle in Rot gewandet, hetzte dann unter lauten „Türkiye-Türkiye“-Rufen die Ebertstraße entlang zum Reichstag. Aus allen Richtungen kamen dort türkische Fußballfans zusammen. Mit rot-weißen Fahnen geschmückte Autos auf dem Parkplatz wiesen den Weg: Denn im Untergrund, im künftigen U-Bahnhof Reichstag waren zwei Großbildleinwände aufgebaut. Hier lebte sich die türkische Fußballseele dann aus – vielfach verstärkt durch die nackten Betonwände. Einige hundert Fans hatten sich versammelt, eigentlich veranstaltete hier der Sportschuh-Hersteller Nike ein Fußballturnier für Jugendliche.

Geradezu ohrenbetäubend wurde es in der 26. Minute, als die Türken ihre erste große Chance verstolperen. Da schien der Beton des Bahnhofs zu beben, wie auch in der 41. Minute, als der türkische Torwart das 0:0 rettete. In der Pause fachsimpelten die Fans in der Sonnenglut zwischen Paul-Löbe-Haus und Reichstag: „4 : 0 hätte es mindestens stehen müssen“ - für wen war klar. Am Ende war es nur ein Tor – aber dann krachten die Böller auf dem unterirdischen Bahnsteig.

Derweil drängten sich im Kreuzberer Café „Sunugaal“ etwa 100 Menschen vor den beiden kleinen Fernsehapparaten: senegalesische und deutsche Fans. Es roch nach Schweiß, Bier und Cannabis. Afrikanisches Getrommel und Gerassel ertönte. Pablo, 15 Jahre, und sein ein Jahr jüngerer Freund stammen aus Tansania und Ghana, leben mit ihren Familien in Schöneberg und Wilmersdorf. Das Spiel wollten sie mit Afrikanern feiern. Aus afrikanischer Verbundenheit, klar, aber auch, weil die Mannschaft so schön spielt. 2 : 1 für Senegal haben sie getippt. Geholfen hat es nichts.

Jeder Angriff der Afrikaner wurde im Café mit Trommeln, Rasseln und Schreien bejubelt. „Senegaaal!“ tönte es bis auf die Straße. Frank, 35, und Andy, 42, sind wegen dieser Stimung hier. „Es gehört einfach dazu, dass man das Spiel seines Lieblingsteams in so einer authentischen Atmosphäre schaut“, sagte Frank. Auch der Senegalesische Botschafter, Paul Badji ließ sich in dem Kreuzberger Café blicken.

Nach dem Halbzeitpfiff strömten die Senegal-Fans auf die Oranienstraße. Dort jubelten ihnen schon die türkischen Fans aus dem „Oranien-Café“ entgegen. Nach dem Siegtor tanzten nur noch die Türken – und fuhren dann hupend mit ihren fahnengeschmückten Autos am Kottbusser Tor im Kreis, da die City-West wegen des CSD gesperrt war. Viele Türken steuerten nach dem Spiel Mitte an, dort gibt es schließlich schöne breite Boulevards für Autokorsos. Die nicht motorisierten Kreuzberger Fans stiegen am Kottbusser Tor in die U-Bahn und fuhren – wie nach jedem Sieg – zum Kurfürstendamm, die Nacht durchfeiern. Jörn Hasselmann / Tanja Buntrock

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