Berlin : Friedbert Pflüger soll mehr auf sich selbst hören

In der CDU grübeln sie über die schlechten Umfragewerte und raten ihrem Spitzenkandidaten zu Geduld und Selbstvertrauen

Werner van Bebber

Das haben sie so nicht erwartet: Da fährt der Spitzenkandidat in der ganzen Stadt herum, kümmert sich um die Ku’damm-Theater genau so wie um die Rütli-Schule und um besorgte Heinersdorfer und ihre Furcht vor einer ungebauten Moschee. Seine Partei, zuvor bekannt für nicht endenden Streit, freut sich an dem Kandidaten, unterstützt ihn und sagt nur Gutes – und dann der Absturz in den Umfragen. Die Berliner CDU und ihr Vormann Friedbert Pflüger liegen bei 23 Prozent in der Sonntagsfrage. Das sind fast unerklärliche drei Prozent weniger als noch im April.

Fast unerklärlich. Ein paar Thesen zu den schlechten Werten haben sie durchaus in der CDU. Und weil es immer noch stimmt, dass die Strategen der Partei froh über Pflügers Kommen und sein ungebremstes Engagement sind, reden sie mit dem Kandidaten über die Schwächen in der Außendarstellung. Pflüger, so hört man etwa, habe nicht den Mut, „ganz authentisch zu sein“. Er müsse sich öfter trauen, Friedbert Pflüger zu sein – einer, der in der CDU zu den Liberalen gehört, nicht zu den Hardlinern, der für großstädtische Offenheit und Toleranz stehe, nicht für Engstirnigkeit und Engherzigkeit.

Gerade im Umgang mit einigen Reizthemen wirkte Pflüger ganz anders, als er womöglich wirken wollte. In Sachen Rütli-Schule, sagt ein Berater, sei Pflüger mit „Sicherheitsschleusen vor der Schule“ und „Abschieben von Straftätern“ in Verbindung gebracht worden. Darüber ist längst vergessen, dass Pflüger zu Beginn seiner Kandidatur ein liberales, am Berliner Publikum und seiner Vielschichtigkeit orientiertes Papier zur Integrationspolitik vorgelegt hat. Schlimmer noch missriet Pflüger seine Positionierung gegenüber der umstrittenen Pankower Ahmaddiyah-Moschee. Der Mann, der in Neukölln antritt und das Nebeneinander der Kulturen auf der Basis des Grundgesetzes predigt, solidarisierte sich mit einer Gruppe entrüsteter Bürger, die sich von den Ahmaddiyah-Leuten überfremdet fühlen. Dabei hat ein CDU-Stadtrat die Bauvoranfrage für die Moschee positiv entschieden.

Keiner von denen, die es in der Berliner CDU gut mit ihm meinen, hat Pflüger da verstanden. Er sei wohl schlecht oder gar nicht beraten gewesen, sagen nun viele. So was passiere, wenn man möglichst viele Termine absolviere und sich dann auf die Basis und deren Informationen verlassen können muss. Dann kam in Pankow noch kräftiger innerparteilicher Ärger um einen stasi-belasteten Moschee-Befürworter und einen Moschee- Gegner dazu, der mit der NPD gegen das Vorhaben demonstrierte – und Pflüger wirkte wie einer, der von oben eingeschwebt und in den Turbulenzen abgestürzt war. Da habe er „sein liberales Image aufs Spiel gesetzt“, sagt einer, der ihm nahe steht.

Nun raten ihm einige, sich etwas zu bremsen. Die Phase eins, das Bekanntwerden in der Stadt, sei vorbei. Nun müsse Pflüger Konturen gewinnen. Dazu sollen wenige Themen reichen, Themen, die Pflüger liegen: Jobs, Bildung, Familien. Das andere muss von einer Mannschaft kommen – die noch nicht zu sehen ist.

Vor allem solle sich der Kandidat nicht nervös machen lassen, sagen jetzt viele. Was von Umfragen zu halten sei, habe sich doch erst bei der Bundestagswahl gezeigt. Und doch spiegeln die Umfragen etwas wider, das die Berufspolitiker sehen: Weil Pflüger wenig Biss hat, muss sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gar nicht angegriffen fühlen.

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