Berlin : Friedensbewegung: Das alte Feindbild funktioniert nicht mehr

Christoph Stollowsky

Anti-Kriegs-Demos vor dem Roten Rathaus, Friedenstauben auf Luftballons, Kinder mit Plakaten in den Händen: "Ich will keinen Krieg": Während die meisten Menschen mit bangen Gefühlen auf den amerikanischen Gegenschlag warten, wächst die Zahl der aktiven Kriegsgegner auch in Berlin von Tag zu Tag. Unterschiedlichste Gruppen treten zusammen auf, nachdem sie den ersten Schock überwunden und ihre Sprache wiedergefunden haben. Kirchenkreise und Gewerkschafter protestieren neben Autonomen und der Antifa-Szene, Pazifisten neben Antiimperialisten - ein Gemenge, wie man es seit den Friedensdemos gegen die Nachrüstung in den 80er Jahren kaum mehr sah.

Zum Wochenende erschien nun die neue Nummer von "Interim", dem seit 1988 in Berlin hergestellten und bundesweit vertriebenen Zentralorgan der Autonomen-, Anarcho-und Antifa-Szene mit einer geschätzten Auflage von 1500 Exemplaren. Interim gilt auch als Forum für Kriegsdienstgegner und Dritte-Welt-Kreise und hat in Berlin einen schillernden Ruf, weil es zum einen wie ein Vereinsblatt von Linken jeglicher Couleur studiert wird und eine entsprechende Ausstrahlung hat, aber zugleich wegen diverser Aufrufe zur Gewalt Pflichtlektüre des Verfassungsschutzes ist.

Die Anschläge haben selbst die radikale Linke verunsichert und entsetzt. Das geht aus dem Editorial der neuen Nummer klar hervor. Angesichts dessen, was niemand für möglich gehalten hätte, versagt offenbar das einfach gestrickte Erklärungsmuster vom Kapitalismus, der die restliche Welt unterdrückt. "Fundierte Analysen und Einschätzungen aus autonomer Sicht haben uns bisher kaum erreicht", klagen die Herausgeber. Zugleich verurteilen sie die Anschläge als "menschenverachtend" und wenden sich gegen übereilte Schuldzuweisungen: "Die Täterschaft radikalislamischer Gruppen halten wir für nicht bewiesen."

Zum Thema Newsticker: Aktuelle Meldungen aus Berlin und Brandenburg Die Gefühle vieler Linker sind offenbar durcheinandergeraten. So haben die jüngsten Ereignisse selbst "Little John" das Grinsen aus dem Gesicht vertrieben. Vor dem 11. September hätte er wohl klammheimliche Freude empfunden angesichts der Vision, dass die "Symbole für Ausbeutung und Militarismus in Schutt versinken." Doch als das Ganze plötzlich kein Spielfilm, sondern Wirklichkeit war und Tausende im Pentagon und World Trade Center starben, erlosch selbst der geringste Funken Schadenfreude. Ehrliche Worte sind das, geschrieben unter dem Pseudonym Little John in einem Interim-Kommentar.

Anderen Autoren erscheint die "Welle der Militarisierung und Nationalisierung" verdächtig, die aus ihrer Sicht seit zwei Wochen über die westliche Welt schwappt. Politische Hardliner, meinen sie, hätten nur auf einen solchen Vorwand gewartet, um endlich blank zu ziehen. So gesehen seien die Anschläge von Manhattan doppelt verheerend, hätten sie doch "eine Unzahl politischer Verbrechen zur Folge" - etwa den Ausbau von Geheimdiensten oder verschärfte Einwanderergesetze.

Interessengebunden erscheint diversen Friedensgruppen auch "die Vergeltungsideologie". Selbstkritische Analysen würden vom Rachefeldzug beiseite gedrängt, stattdessen gehe es nur noch um Krieg, also "weitere Barbarei". Es müsse aber möglich sein zu fragen, "weshalb ein Teil der Menschen in einigen Völkern den Westen so hasst, dass Terroristen meinen, sich bei ihrem Massenmord auf diese Unterdrückten beziehen zu können."

Spätestens hier nehmen einige Linke dann doch wieder die Maschen vertrauter Erklärungsmuster auf. "Die zivilisierte Welt führt seit Jahrzehnten Krieg gegen die Menschen in Entwicklungsländern", schreibt die Deutsche Friedensgesellschaft. Ihre Waffe sei die ungerechte Weltordnung. "Sie kostet Zehntausende täglich das Leben."

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